„Königreich der Himmel“


Heute widmet Tim sich einem Film, der im Gesamtwerk Ridley Scotts viel zu oft untergeht.

„Wie viel ist Jerusalem wert?“, fragt Balian (Orlando Bloom), nach der erfolgreichen Verteidigung und Kapitulation dieser umkämpften Stadt der Weltreligionen, den muslimischen König Saladin (Ghassan Massoud). Dieser dreht sich zu ihm um und sagt: „Nichts.“ Dann, nach ein paar weiteren Schritten von Balian weg, dreht er sich ein weiteres Mal um: „Alles.“ Balian bleibt rätselnd zurück. Es erinnert an seine eigene Ansprache vor der Schlacht um Jerusalem in der sagte, keine der drei Weltreligionen hätte Anspruch auf die heiligen Stätten Jerusalems, nur um dann hinauszuschreien, all hätten ihn – und zwar gleichermaßen.

Ähnlich wie in „Gladiator“ zeichnet Ridley Scott auch hier seinen Protagonisten als eine idealistische Figur in einem intriganten Spiel aus Macht und Korrumption. Balian ist ein gebrochener Mann auf der Suche nach innerem Frieden und seelischer Erlösung. Er tritt im heiligen Land das Erbe seines Vaters als Baron von Ibelin an. Vom Dasein als Schmied im finster-kalten Frankreich zum Herrscher über eine kleine Baronie und direkt an den Hof des leprakranken Königs (Edward Norton). Stets hält Balian an seinem persöhnlichen Kodex fest, dass ein Mann alles zu tun hätte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. So verwandelt er sein Gut vom staubigen Ödland zur blühenden Oase, hält sich an den ritterlichen Eid seines Vaters und reitet beherzt in Unterzahl in die Schlacht um Zeit für jene zu gewinnen, die noch nicht hinter den sicheren Toren der Stadt sind. Und sein Idealismus beschert ihm auch Anerkennung unter seinen Feinden, die ihm nach Gefangen am Leben lassen, da er dasselbe für sie tat.

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©20th Century Fox

Der Kontrast von Balian zu seiner rein aus Extremen bestehenden Umwelt scheint somit um so krasser. Der König von Jersualem kämpft mit seinem Verwalter Tiberias (Jeremy Irons) dafür, dass in Jerusalem alle Religionen friedlich ihren Glauben ausleben können, während die Fanatiker, angetrieben durch die Versprechen des Pabstes durch das Töten von Ungläubigen Seelenheil zu erlangen, alles dafür tun den brüchigen Frieden zu den Muslimen in Krieg umzuwandeln. Scotts Charakterzeichnung ist hier messerscharf und detailliert. Er zeigt zum einen Männer, die bis ans äußerste gehen um ihre Vision vom „Kingdom of Heaven“ durchzusetzen, und daran nach und nach zerbrechen. Die Extremisten auf, beiden Seiten, die stets mit „God wills it“ argumentieren und deren Glaubensideologie nichts weiter als ihr persöhnlicher Sadismus-Befriedigungsgarant ist, kreieren in ihrem verblendeten Wahn einen Sog aus Gewalt und Chaos, der sie letzten Endes auffrisst.

Für diese monumentale Erzählung nimmt sich Scott alle Zeit die er braucht. Keine Nuance wird hier ausgelassen, um das Gesamtgemälde, das Scott über das komplexe Verhältnis von Macht und politisch-religiöser Ideologien zeichnet, fertigzustellen. In einer der wichtigsten Szenen des Films entzündet Balian aus versehen einen Dornbusch in der Wüste, als er gedankenversunken einen Stein in die Ödnis wirft, der einen Funken schlägt. Das ist also die Religion, meint er, und alles fällt ihm vor die Augen. Erlösung findet er nur in den Taten, die ihm zum Menschen machen, der er ist, und nicht der Glaube an den einen oder den anderen Gott.

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©20th Century Fox

Doch natürlich geht es Scott nicht allein um Religionskritik. Viel erher ist „Königreich der Himmel“ eine gesamtpolitische und – religiöse Metapher, die sich am „Minikosmos“ des Hofes zu Jerusalems abspielt, die politische Typen vereint und konfrontiert und nicht zuletzt ganz klar zeigt, wohin Allmachtsfantasien führen, wenn die eine Seite glaubt, sie wäre besser als die andere: nämlich in Leichenberge. Generell ist es erstaunlich wie gut es Scott gelingt den schmalen Grat entlang zu belanacieren, der die dargestellte Gewalt nicht verherrlicht und sie als schreckliche Konsequenz der Glaubenspolitik ausweist, aber zudem immer auch einen eskapistisch-abenteurichen Aspekt verleiht.
So ist „Königreich der Himmel“ in letzter Instanz auch nichts weiteres als ein Ritterfilm, der dem Zuschauer stets ein Gefühl von Abenteuerlust mit Kettenhemd, Schild und Schwert zu vermitteln, somit ungemein unterhaltsam und, ja – wenn dieses viel zu häufig benutzte Wort irgendwo hingehört, dann zu den Historienfilmen Ridley Scotts – , episch. Und das alles, ohne dem Film seiner Komplexität zu berauben. „Königreich der Himmel“ ist ein großer Film, ein momentan durchaus wichtiger Film und wahrscheinlich sogar ein unterschätzter Film.

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Filmschrott sagt:

    Ein typischer Ridley Scott Film. Also einfach todlangweilig.

    1. Victor sagt:

      Steile These, die leider mal so gar nicht stimmt 😉

      1. Filmschrott sagt:

        Ist keine These sondern eine Meinung und damit komplett wahr. Der Typ hat bis auf zwei Ausnahmen meiner Meinung nach nur langweiligen, drögen Scheiß fabriziert und ist total überbewertet.

      2. Marc sagt:

        Da muss ich absolut zustimmen. Abgesehen von „Blade Runner“ und „Alien“ wusste mich noch keiner seiner Filme wirklich zu überzeugen.

      3. Filmschrott sagt:

        Bei mir fällt Blade Runner weg (allerdings müsste ich mir den noch mal angucken, ist ewig her und damals fand ich den echt öde), dafür ist Glasiator drin, der aber wiederum auch einfach einen Nostalgiebonus bei mir hat. Also bleibt eigentlich nur Alien als richtig guter Film von ihm.

      4. Marc sagt:

        Blade Runner brauchte bei mir auch ne zweite Chance um zu gefallen. Gib ihm die.

      5. Filmschrott sagt:

        Ja, muss ich eh. Damals war ich bei weitem nicht so Film verrückt wie ich es heute bin. Würde den heute eh mit anderen Augen sehen. Aber muss ich auch Lust drauf haben. Kann also noch dauern.

  2. Filmschrott sagt:

    Meinst du jetzt von Scott oder allgemein? Von Scott mag ich am liebsten Alien. Algemein ist mein Geschmack doch recht gemischt, wobei ich zB solche Historien/Monumentalepen mag, aber Kingdom Of Heaven oder auch sein Robin Hood sind einfach zum einpennen. Da bevorzuge ich dann Braveheart, Ben Hur oder auch Gladiator.
    Generell mag ich alles querbeet ganz gerne. Ich habe gerade mal kurz in meine Letterboxd-Liste geguckt. Am höchsten bewertet habe ich unter anderem Die Veruteilten, The Fall, Hundstage, GoodFellas, Into The Wild, Stirb Langsam, Pulp Fiction und (was mich selbst etwas überrascht, aber verdient ist) Ein Schuss im Dunkeln. Also eine bunte Mischung. Ich glaube einfach, dass ich mit Scotts Art, Filme zu inszenieren nichts anfangen kann.Er versteht sicher sein Handwerk, aber wenn man mal ehrlich ist, hat der in 50 Jahren auch aus Fan-Sicht betrachtet nicht gerade viele Knaller fabriziert. Und es sind sich auch so ziemlich alle einig, dass er seit fast 20 Jahren nichts richtig gutes mehr gemacht hat, so wie ich das zuletzt gehört habe. Außer evtl. Der Marsianer jetzt mal wieder.

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