„Virgin Mountain“


Heute erfahrt ihr von Tim, ob der isländische Film „Virgin Mountain“ etwas taugt.

Fúsi hat es nicht leicht. Der Mittvierziger ist stark übergewichtig, lebt bei seiner Mutter, lebt zurückgezogen und sein einziger sozialer Kontakt ist ein Freund, mit dem er sich zum Nachspielen historischer Schlachten trifft. Mit ihm lernen wir einen Mann kennen, mit dem wir auf den ersten Blick Mitleid haben. Wir werden intim in statischen, oft langen Einstellungen an ihn herangeführt. Ohne großartige Exposition beginnen wir mit ihm die Welt so zu sehen, wie sie beängstigend auf ihn wirkt. Schnell lernt der Zuschauer vor allem eines: Die Welt ist kein Zuckerschlecken für einen Mann wie ihn. Alleine schon durch seine äußerliche Erscheinung ist er ein Außenseiter, dem es schwer fällt sich mit seiner Umgebung zu sozialisieren. Wir erleben, wie sich den Menschen, mit denen er zu tun hat, bei seinem Anblick Assoziationen erschließen, die ihr Verhalten ihm gegenüber so bestimmen, dass die Welt für Fúsi ein beängstigender Ort wird, an dem es nur wenige Freuden gibt.

gunnar-jonsson-ilmur-kristjansdottir
©Alive

Was Regisseur Dagur Kári gelingt ist simpel wie genial: Schnell lässt er den Zuschauer begreifen, dass diese Menschen, die die Welt für Fúsi so schwer gestalten wir sind. Dabei ist es vor allem diese unbrechbare Überzeugung an eine tief im Menschen verwurzelte, unantastbare Würde, die den Weg seiner Charakterstudie bestimmt. Kári regt zur Reflexion über den eigenen Umgang mit den gesellschaftlichen Außenseitern an und Vorurteilen an, ohne dabei abgenutzte Klänge anzuschlagen, sondern vielmehr durch feinfühligen Respekt vor Menschlichkeit und Zwischenmenschlichkeit.

Seine Bilder sind ruhige bestandsaufnahmen, die Kamera ein dokumentarisches Instrument, das ruhig und gelassen einfängt. Sie fungiert als scheinbar neutraler Beobachter, lukt oft durch Fenster und Türen. Bestimmend führt sie durch diese 95 Minuten eines durchaus beklemmend, aber ebenso heiteren Personen- und Gesellschaftsporträt und erweist in ihrer Ruhe und Gelassenheit dem Film den größten Dienst, neben Gunnar Jónnsons Eindringlichen Spiel, der neben seiner massiven Erscheinung auch noch einen gewaltigen emotionalen Balast umherwuchtet, sich von Szene zu Szene schleppend.

So ist „Virgin Mountain“ in erster Linie vor allem ein Film, der wie eine Dokumentation wirkt. Er zeigt das Leben und macht in seiner konsequentn Subtilität leise Vorwürfe, die ihre Wirkung nie verfehlen. Das mag oft distanziert wirken, entfaltet aber mit zunehmender Wirkzeit eine unheimliche Intimität, durch die dieser Film wirkend, zu weit mehr wird, als man auf den ersten Blick erwarten mag.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s