„Il Mercenario“


Mit „Leichen pflastern seinen Weg“ setzte Corbucci Maßstäbe. Gelang ihm mit „Il Mercenario“ ähnliches?

Vor „Il Mercenario“ wurden erste Revolutionsversuche in der kalten, bergigen Hölle Snowhills in „Il Grande Silenzio“ bleiern erstickt. Klaus Kinski und seine Bande skrupelloser Kopfgeldjäger trugen den Sieg davon, nachdem sie unter den leidenden Bergabuern ein Massaker angerichtet hatten. Eine durch und durch düstere Weltsicht, die Corbucci vorschlug. Doch noch im selben Jahr wurde mit Franco „Django“ Nero von ihm ein Film gedreht, der den Gedanken des eisigen Vorgängers weiterspann und in das historische Revolutionsszenario des Mexikos des frühen zwanzigsten Jahrhunderts einbettete.

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©Koch Media

Die Angelegenheit der Revolution ist hier eine weitaus heitere. Corbucci offenbart einen Heidenspaß daran mit den Stereotypen und Klischeebildern des Italowesterns zu spielen und diese über den Haufen zu werfen. So ist Franco Nero hier keine Kopie seines legendären Django von 1966, sondern ein gebildeter Upper-Class-Söldner, der nur aufgrund seiner Gier und Hangs zur Gewalt in die Raue Grenzregion um den Rio Grande passt und mit seiner Sprache, salbungsreich wie ein Priester, weitere Kontraste zu Gauner und Revolutionär Paco Roman, gespielt von Tony Musante, bildet. Als Antagonist wirft Corbucci einen Jack Palance in den Ring, dessen ausgekochtes Schlitzohr von einem Westernbastard einfach mal so gar nicht in das Setting passen will. Und so bleibt die Kamera auch eher fasziniert an ihm kleben während seine Schergen off-screen allerhand genretypische Gewalttaten vollrichten.

Begleitet von Humor, der so staubtrocken wie die mexikanische Wüste ist, lässt Corbucci seine Geschichte sich entfalten. Etwas, das man bis dato von ihm so noch nicht kannte. Zwar ist die Story an sich nur bedingt komplizierter als in seinen Vorgängerwestern, doch er nimmt sich Zeit für seine Charaktere und deren Entwicklung, für Konfliktherde angesichts der sich verändernden und weiterentwickelnden Weltanschauungen und Ideologien. Mit nahezu spitzbübischer Freude lässt Corbucci seinen Charakteren Absurditäten wiederfahren, würgt alle Zitzen des Unterhaltungskinos leer und dudelt Morricones hochmotivierten Hoppa-Hoppa-Reiter-Score rauf und runter bis auch dieser in der Arena wieder seine Größe und Brillanz entfalten kann, ohne dabei seine politischen Sticheleien und Botschaften zu vergessen.

Er war nie ein großer Verehrer Amerikas. Wo Leone dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer noch etwas abgewinnen konnte, war das Land für ihn immer verkommen. In „Django“ glich es einer postapokalyptischen Landschaft, in „Navajo Joe“ hielt er den Indianer als letzten Helden hoch und in „Il Grande Silenzio“ erreichte seine Schwarzmalerei ihren Höhepunkt. Vielleicht musste er auch deswegen mit seiner Handlung nach Mexiko gehen, um überhaupt weg von Pessimismus und Zynismus zu gelangen. Die antikapitalistische Haltung relativiert sich hier etwas. Seine Sicht der Dinge wirkt differenzierter, aber auch weniger radikal. Wo der Vorgänger im Geiste noch durchgehend den Zuschauer mit seiner brachialen Untergangsstimmung und sozialen Wut erreichte, gelingt es Corbucci hier nur in manchen Szenen und Momenten eine solche Stärke zu kreieren, einen Schlag in die Magengrube des Zuschauers – wie dann, wenn die Mittelschicht als großes, schier unüberwindbares Hindernis der Revolution entlarvt wird.

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©Koch Media

Wo Materialismus und Idealismus oft so weit auseinanderliegen zu scheinen, kommen sie oft doch so nah zusammen. Sie brauchen einander, zwischen ihnen besteht eine Dialektik. Dies wird zur Bedingung des Umschwungs und schließlich zu der großen Einsicht, zu der beide Protagonisten am Ende des Films gelangen. Corbucci war nie ein sinnlich-poetischer Regisseur wie Leone, oder ein Denker wie Sollima, er war vielmehr ein Macher, quasi der Regisseur aus dem Proletariat. Seine Filme hatten immer einen Vibe aus Dreck und Gestank, Blut und Blutigem; etwas Fassbares und Wahrhaftiges. So auch „Il Mercenario“ der nicht durch und durch komponiert wirkt und auch nicht durch und durch gedacht ist. Es ist ein Film, der sich selbst entwickelt und seine Stärken eigenständig findet. Ein Film pulsierend-lebhaft und pathetisch-linksromantisch. Ein Film wie ihn eben nur ein Corbucci gekonnt hat.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Bogartus sagt:

    Hat dies auf Bogartus Welt rebloggt und kommentierte:
    Wieder mal eine rundum gelungene Filmbeschreibung eines Westerns von der Seite Inglourious Filmgeeks.

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