„Creed – Rocky’s Legacy“


Eine Oscar-Nominierung und der Golden Globe für Sylvester Stallones Leistung im neusten Film des Rocky-Franchises. Ist diese überhaupt gerechtfertigt oder, und dies ist die wesentlich wichtigere Frage; ist „Creed“ als Film überhaupt gelungen?

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©Warner

Es ist schade, dass Sylvester Stallones größte schauspielerische Leistung der letzten Jahre ausgerechnet in einem seiner schwächeren Filme zu sehen ist. „Creed“ ist leider nicht, wie der Titel sagt, das Vermächtnis von Rocky, im Gegenteil, „Creed“ ist ein Aufriss einer Reihe, die vor 10 Jahren würdig mit „Rocky Balboa“ abgeschlossen wurde.

Dabei ist das wohl größte Problem des mittlerweile siebten Filmes des Franchises die mangelnde Selbstständigkeit. Sich viel zu sehr an den sechs Vorgängern orientierend schaut sich „Creed“ in etwa wie ein Best-of der Rocky-Saga, mit anderen Rollen und neuen Akteuren. Dabei sind die Voraussetzungen für einen freien, eigenständigen Film durchaus vorhanden! „Creed“ hätte sich in der Tat von der Reihe lösen können, wenn er nur andere und gewagtere Wege eingeschlagen hätte. Doch die Angst vom jungen Regisseur Ryan Coogler, ein Vermächtnis mit seinen neuen Wegen möglicherweise zu ruinieren, hielt den unerfahrenen Filmemacher vom Eingehen eines Risikos zurück. Verständlich, denn beim Anschauen von „Creed“ fällt auch so schon die mangelnde Erfahrung und vorhandene Unsicherheit auf.

So geht „Creed“ also ganz den alten Weg; der Underdog rückt über Nacht ins Rampenlicht, bekommt die Chance auf einen großen Kampf und will diese nutzen, selbst felsenfest davon überzeugt, diesen gewinnen zu müssen. Adonis Creed, Sohn von Apollo, nimmt hier den Platz ein, den Rocky im ersten Film hatte, welcher hier wiederum die Rolle von Micky übernimmt. Ebenfalls nahezu identisch sind bei einem Abgleich von „Creed“ mit „Rocky“ die Charakterzüge von Underdog und Trainer, so als hätte man den Charakter von Rocky im ersten „Rocky“ einfach nur auf Adonis Creed übertragen.

Nicht übertragen hat man bedauerlicherweise das gezeigte schauspielerische Können Stallones auf den jungen Michael B. Jordan. Dieser agiert uninspiriert und untalentiert, verleiht vielen Szenen eine unfreiwillige Komik und scheitert darstellerisch besonders in emotionalen Augenblicken aufgrund von übertriebenem Overacting.

Auch nicht besser sind die pseudocoolen Trainingssessions des jungen Creeds, die mit wenig passender Rapmusik untermalt werden. Es kommt im Zuschauer nicht das Gefühl, der Wunsch hoch, am liebsten sofort aufzuspringen und mit dem Protagonisten zusammen zu trainieren, man hat nicht das Gefühl, es in diesem Moment mit der ganzen Welt aufnhemen zu können, denn dafür bindet „Creed“ diesen viel zu wenig in die Story ein und lässt die  ganze Montage viel zu kühl. Es fehlen die eskapistischen Züge der früheren Filme des Boxer-Franchises.

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©Warner

Eine weitere der vielen Enttäuschungen in „Creed“ ist der finale, wahnsinnig vorhersehbar gestaltete Kampf, der Punkt des Filmes, zu dem die ganze Zeit hingearbeitet wurde. Adonis Creed wird dort mit einem Gegner konfrontiert, der mehr Kneipenschläger als seriöser Boxer zu sein scheint, und optisch eine ziemlich lächerliche Figur abgibt, egal ob beim Schlag oder beim Wegducken. Dass einige dieser Szenen im Fußballstadion des englischen Clubs FC Everton bei dessen Spiel gegen West Ham United in der Halbzeit gedreht wurden, verleiht dem Set zumindest einen gehörigen Hauch von Authentizität und englischem Charme, der durch die begeisterte, Fußballlieder grölende Zuschauermenge übertragen wird. Doch die dadurch erfolgreich aufgebaute Atmoshpäre des Kampfes weicht ziemlich schnell einer gewissen Eintönigkeit und Langeweile, denn bereits nach wenigen Minuten des Fights wird dem Zuschauer klar, worauf „Creed“ hinaus möchte.

Wie schon „Rocky“ und „Rocky Balboa“ appelliert nämlich auch „Creed“ an den Zuschauer, dass es nicht darauf ankommt, ob man gewinnt oder verliert, sondern einzig der Respekt vor der eigenen Person entscheidend ist. Doch während diese Botschaft beim ersten Teil der Reihe noch etwas Neues, und ganz besonders Unerwartetes war und den Zuschauer emotional zutiefst bewegte, da solch ein Ende sicherlich von den meisten nicht erwartet wurde, und bei „Rocky Balboa“ zumindest für einen sentimentalen Abgang und eine Rückführung der Saga zu ihren Wurzeln sorgte, so schüttelt man beim inzwischen dritten Hören dieser Botschaft in „Creed“ nur genervt den Kopf.

Trotz guter Kampfchoreographien und einem charmanten, effektiven Humor liegt „Creed“ weit hinter den meisten Teilen der Saga zurück. Dennoch ist dieses Werk keinesfalls missraten und definitiv nicht auf dem Niveau von „Rocky V“ anzusiedeln, es wäre nur wesentlich besser in einem anderen als dem Rocky-Franchise aufgehoben, da dies sein Potenzial bedauerlicherweise ausgeschöpft hat.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. jacker sagt:

    Hmm, da kann ich dir ja in deinen Kritikpunkten quasi durchweg NICHT zustimmen 😉 B. Jordan hat doch mega Charisma und ’ne gute Physis, Coogler inszeniert als hätte er nie was anderes gemacht und die bekannte Dramaturgie wird durch extrem viel Herz ausgeglichen. MUsstest du auf deutsch gucken? Anders kann ich mir „unfreiwillige Komik“ nämlich wirklich nicht erklären…

    1. Marc sagt:

      Ja, musste ich. In einem Kinosaal, der Menschenhass in mir hervorrief. Andauernd flackerte irgendwo ein Handydisplay, ständig wurde gequasselt, und der kleine Junge, der neben mir saß, hat seinen Vater während der einen Sexszene gefragt „Papa, was machen die da?“. Und der Vater antwortete doch tatsächlich mit „Ich weiß es nicht, mein Sohn.“ 😀 😀 😀

      Daraus lerne ich zumindest; gehe nie in eine Premiere, es seidenn sie ist im O-Ton, da wissen die Leute zumindest sich zu benehmen.

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