„Don Jon“


Joseph Gordon-Levitt, so drückt er in Interviews aus, weiß nichts mit dem Begriff des Autorenfilmers anzufangen. Er setze auf die Kollaboration eines Teams als eine ein Kunstwerk schaffende Einheit. Doch betrachtet man seinen Debütfilm und schenkt seinen sonstigen Aussagen Aufmerksamkeit, so kommt man nicht umhin, „Don Jon“ als Autorenfilm zu bezeichnen. Gordon-Levitt hatte den Film absolut unter seiner Kontrolle, so Produzent Ram Bergman. Er als Person befindet sich in dem Film. Es ist ein Exzerpt seiner selbst.

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©Ascot-Elite

Der Film, der auf den ersten Blick wie eine leicht konsumierbare romantische Komödie wirkt, und tatsächlich spielend mit den narrativen Regeln des Genres jongliert, diese ironisch kommentiert, um sich ihnen letzten Endes in absoluter Konsequenz nur doch zu unterwerfen, sollte keinesfalls in sorglosem Schubladisieren abgefertigt werden. Was Levitt hier gelungen ist, ist nämlich absolut überragend. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was eine lange, ertragsreiche Karriere hinter und vor der Kamera noch zu Tage fördern mag. So gekonnt inszeniert er diesen leichtfüßig-satirischen Gesellschaftsspiegel, der trotz aller „konsumierbarkeit“ (welch schreckliches Wort!) so vielschichtig operierend ist.

Als Mann hinter der Kamera hat Joseph Gordon-Levitt den Österreicher Thomas Kloss engagiert, der im Spielfilmbereich bisher nur wenig, gar Totalausfälle wie das Conan-Remake, zu verzeichnen hatte. Doch tatsächlich erweist sich dieser Glücksgriff, neben dem Drehbuch, als zweite große Stärke des Films, die Gordon-Levitt unter seiner Regie bündelt. Diese Kamera tut das, was jede großartige Kamera tut, und stellt sich komplett in den Dienst ihres Werkes. Zwar ist diese nicht immer ganz auf der Höhe der messerscharfen Dialoge und liefert manchmal recht konventionell ausfallende Schuss-Gegenschuss-Momente, dann aber wieder klebt sie an dem Gesicht des Hauptdarstellers, wenn dieser durch Pornogenuss genau die Leidenschaft erfährt, die ihm mit echten Frauen verwehrt bleibt. Sie arbeitet mit Subtexten in Hinter- und Vordergrund und ist im entscheidenden Moment mit ausreichend Vision beseelt, um zu wissen was zu tun ist. Da gibt es diese eine Szene, in der Jon endlich von seinem Fluch befreit wird. Nachdem entsprechende Vorarbeit durch emotionales Annähern geleistet wurde, funktioniert es schließlich auch mit dem Sex. Dabei umkreist die Kamera die Gordon-Levitt und Julianne Moore zuerst schüchtern. Sie wackelt leicht, als würde sie vor Anspannung, Aufregung zittern. Sie tastet das Feld ab und schafft es somit eine passende Mixtur aus Emotionalität, aber auch Spannung zu erzeugen. Schließlich bleibt sie nur noch gebannt stehen, die sich in einander verlierenden Blicke der sich gerade liebenden im Profil einfangend. Es ist ein Moment von zarter Schönheit und leidenschaftlicher Intimität, wie man ihn nur selten im Kino erlebt.

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©Ascot Elite

Doch das ist nicht alles. Gordon-Levitt hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. So banal das klingen mag, leistet er eine ganze Menge. Niemand seiner Charaktere ist ganz koscher. Jeder trägt zur Typisierung der Menschen um ihn herum bei, jeder ordnet jedem (Geschlechter-)Rolle zu, die dieser auszufüllen hat. Wir stülpen uns das Korsett des Zwangs selber über und schnüren es uns zu. Werbung ist letztlich nichts anderes als eine Form der Pornografie, wenn pralle, eingeölte Brüste einen Burger bewerben (Hierzu der Sprecher aus dem Off: „It’s more than a piece of meat“) und erschreckender ist auch, dass ebenso das Kino mit seiner verführerisch-eskapistischen Schale dieselben Ideologien, falschen Bedürfnisse und nur auf den einzelnen zugeschnittenen Lebensvorstellungen verbreitet. Gordon-Levitt porträtiert diese eigentlich dramatischen Um- und Zustände mit solch einer Finesse und überspitzt sie süffisant-provokant mit beißendem Witz und skurrilen Einfällen, dass jedes Lachen ein böses ist.

Und doch: Trotz diesem Geschick hat Joseph Gordon-Levitt doch einen Schwachpunkt, einen blinden Fleck wenn man so will. Die Last, die Julianne Moore zu tragen hat, ist eine rein emotionale. Sie wirkt wie ein Fremdkörper der gezeichneten Gesellschaft und ist in ihrer Überhöhung letztlich doch nur eine Fantasie, ein Idealbild das Rettung aus dem Teufelskreis verspricht. Zwar werden Schritte in die Richtung getan, diese Überhöhung zu rechtfertigen, indem man andeutet woher diese Figur kommt, was sie durchgemacht hat. Doch so recht will man es dem Film nicht abnehmen. Es ist zwar schön und beruhigend zu sehen, dass es Erlösung für Don Jon gibt, doch man spürt, dass da irgendwo ein Haken ist. Diese mangelnde Radikalität einen Schritt weiter zu gehen, ist etwas, das diesen Film von der Filmkunsoberliga trennt. Schade, dass sich Gordon-Levitt auf den letzten Metern ins Ziel doch noch den Wind aus den Segeln nimmt. Schlimm ist das freilich nicht, aber ärgerlich, denn es hat Größeres verhindert.

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©Ascot-Elite
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