„Es ist schwer, ein Gott zu sein“


Selten schaffen es russische Filme bei uns im Westen Aufmerksamkeit zu erlangen. Umso erstaunlicher, dass es dieses Jahr gleich zwei Filme geschafft haben. Anfang des Jahres sorgte „Leviathan“ für Gesprächsstoff und nun zum Jahres Ende hin wurde ein anderer Film zum cineastischen Blickfänger.

©Bildstörung

Der letzte Film der russischen Regie-Legende Aleksei German, dessen Karriere in den 60ern begann und trotzdem nur sechs Filme drehte, „Es ist schwer ein Gott zu sein“, hat vor allem schnell den Ruf erworben, alles andere als ein leicht konsumierbares Stück Kino zu sein. Ein Werk von nachhaltiger Schwere wurde es genannt und sogar Tarkowski-Vergleiche wurden gefällt.

Rajko Burchardt betitelte den Film auf moviepilot.de als „Ein Meisterwerk aus Schlamm und Scheiße“. Auch wenn man mit dem Begriff des Meisterwerks nicht unbedingt d’accord gehen mag, ist die nähere Beschreibung der beiden Quintessenzen durchaus treffend. Germans Film, in schwarz-und-weiß, beschwört die mittelalterliche Welt eines fremden Planeten, auf dem es die Renaissance nie gegeben hat, in Bildern herauf, die so wahrhaftig, echt und lebensnah wirken, dass sich trotz der konsequenten Verweigerung von eskapistischer Mittelalterromantik stets ein Gefühl des Mitdabeiseins breit macht. So ungeschönt war Mittelalter im Kino wohl noch nie. Die durch das Geschehen schwebende Kamera verhält sich dabei nicht anders, als der Zuschauer selbst. Eine unausgegorene Mischung aus Neugierde und Abscheu, Faszination und dem Willen sich von abzuwenden bestimmt deren Bewegung und Verortung als Beobachter des Geschehens. Was sie uns zeigt sind die verdreckten, von der Rohheit des unwirtlichen Landes und ihrer Lebensrealität gezeichneten Fratzen, die sich durch diesen Albtraum einer in gesellschaftlicher und zivilisatorischer Stagnation gefangenen Welt manövrieren. Diese Bilder schleierhafter Szenenabläufe verfehlen ihre Wirkung nicht. Sie brennen sich nachhaltig in das Gedächtnis sein. Germans Kino bart keiner Kraft.

Aber es ist auch kein Kino im traditionellen Sinne. Es entzieht sich jeder Zuordnung, jeder klaren Lesart. So ist „Es ist schwer ein Gott zu sein“ vor allem ein Film, der seine Zeit braucht, der seine 180 Minuten alleine dafür beansprucht, zu wirken und auch den Zuschauer aus der Reserve zu locken und ihm eine ihm gegenüber offene Haltung abverlangt. Man muss für diesen Film bereit sein, denn er ist schwierig. Man muss darauf gefasst sein, was auf einen zu kommt, sonst könnte dieses filmische Experiment beim Betrachter schnell nach hinten losgehen. Doch es ist eine cineastische Grenzerfahrung, die sich lohnt und tatsächlich einen Must-See Charakter in sich birgt.

Es ist ja bekannt, dass nicht alles, das nach Kunst aussieht, auch Kunst ist. Wie der Zuschauer Aleksei Germans letztes Werk einordnen will, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ein klares Urteil darüber zu fällen, was dieser Film nun genau ist, ist so wohl gar nicht möglich. Mehr Erfahrung und Halluzinogen als Film, so viel sei sicher. Ebenfalls lässt sich mit Gewissheit eines sagen: Eine derart unangenehme, aber auch Horizont erweiternde Bilderflut hat man wohl lange nicht mehr gesehen, und das zeichnet „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ sicher aus.

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