„Blutgericht in Texas“


„The Texas Chainsaw Massacre“ bzw. „Blutgericht in Texas“. Klassiker und Meilenstein. Index-Schreckgespenst und Kultschocker. Wenn Sie aufgehört haben zu schreien, werden Sie darüber sprechen. Auch wenn jemand überlebt, wie viel wird noch von ihm übrig sein?

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©Turbine Medien

Tobe Hoopers Erstling „Eggshells“ fand keinen Verleiher, woraufhin er kurzerhand beschloss einen Film in einem beliebten amerikanischen Genre zu drehen. Der Horrorfilm selbst war kurz zuvor durch Wes Cravens ebenfalls umstrittenes und in Deutschland noch immer indiziertes Meisterwerk „The Last House on the Left“ revolutioniert worden. So begab es sich, dass in der Hitze des texanischen Sommers für ein bescheidenes Budget ein Film entstand, der bis heute den Olymp des Genres ziert.

Wer „The Texas Chainsaw Massacre“ oberflächlich auf einen Backwoods-Splatter-Film reduziert, der tut sich selbst keinen Gefallen. Denn anders als oft vermutet wird ist „Blutgericht in Texas“ kein Film, der nur auf möglichst eklige Schockeffekte abzielt und die Zeit nur aufgrund der Produktions- und Auswertungsgeschichte überdauert hat. Nein, Hooper ist ein Film gelungen, der vielschichtig auf verschiedensten Ebenen funktioniert.

Zum einen trägt „The Texas Chainsaw Massacre“ eine beachtliche politische Note. Anfang der 70er Jahre befand sich der Vietnam-Krieg immer noch Hochtouren, in Lateinamerika – gleich zu Beginn nimmt der Radio Sprecher auf südamerikanische Scharmützel im Amazonas-Gebiet Bezug – tauscht die CIA Regierungen aus und Öl-Krisen im Nahen Osten bahnen sich an. Die ersten beiden Opfer der fünf modernen Jugendlichen, kommen auf der Suche nach Öl zum Haus der Familie rund um Maskenkiller und Kettensägenschnetzler Leatherface. Auf der Suche nach dem wertvollen Rohstoff dringen sie immer weiter in das Grundstück der Familie vor und vergessen dabei auch jede Scheu beim Hineinspazieren in das Haus. Zack bumm – der Hammer des gewaltigen Hünen saust auf den Schädel des ersten Opfers hinab. Es ist eine absurde Begegnung des typischen (Stadt-)Teenagers, einer Kreation der Moderne, mit einer zurückgebliebenen Figur aus dem Hinterland. Zwei Kulturen prallen hierbei aufeinander. Die Killer-Familie steht zum Teil auch für die im Verborgenen dieser Welt lebenden, die in sich verschworene patriarchalische („Du sagst doch immer Opa ist der beste!“ – „Ja, ganz richtig. Opa ist der beste!“) Hinterwäldergemeinschaft. So ist es umso spannender, dass auch die Tankstelle im Besitz eines der Familienangehörigen ist und sich dieser wiederum über die Strompreise beschwert und darüber scherzt wie schnell man da heutzutage pleite wäre.

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©Turbine Medien

Hooper manipuliert hierbei ähnlich wie es die Medien taten im Bezug auf die oben genannten Krisenfelder – wie sie es selbstverständlich heute auch immer noch tun – und lässt den Sprecher, der die eingeblendete Texttafel vorliest, behaupten, dass der Film wahre Ereignisse darstelle. Tatsächlich aber ist der Film lediglich von wahren Vorfällen, nämlich die um den Mörder Ed Gein, inspiriert. Von der Wahrheit inspiriertes wird als Wahrheit verkauft. Zudem kann man das „Schlachten“ um das es im Film immer wieder geht, sei es nun das Schlachten in den Schlachthäusern, bei dem die einstige Methode mit dem Hammer direkt auf zwei der Jugendlichen angewandt wird, oder das (Ab)Schlachten der Menschen, auch als eine ad absurdum Führung des Vietnam geprägten Medienalltags sehen.

Doch nicht nur diese politische Komponente verleiht „The Texas Chainsaw Massacre“ seine Erhabenheit über den breiten (Genre-)Sumpf, sondern auch seine besondere Ästhetik. Hoopers Bilder durchdringen Mark und Bein. Trotz der Tatsache, dass es im gesamten Film kaum Blut zu sehen gibt ist „Blutgericht in Texas“ brutal. Doch diese Brutalität ist eine rein psychologische. Hooper blendet immer im richtigen Moment ab, da er weiß, dass die Vorstellungskraft noch viel traumatisierende Bilder kreiert als er es je könnte. Viel lieber – ähnlich einem Wes Craven – zeigt er die Gesichter, die Zeugen des Horrors sind. Diese schmeißt er in eine Umgebung, die – so banal es klingt – wirkt. Das Mordhaus der Wahnsinnigen ist mit einer solchen Hingabe zum Detail dekoriert, geschmückt und designet, dass man den knochenbedeckten Boden spüren, die schwüle Hitze fühlen, die stickige Luft atmen und den Gestank der Killer und der modrigen Widerlichkeit des Ambientes riechen kann. Dabei fotografiert Hooper aber die menschlichen und unmenschlichen Komponenten mit derselben Leidenschaft. Seien es die ungeschützen Rücken der Mädchen, die sexuelle Aggressivität (Kettensägenphallus) der Killer oder eben die von der Angst verzerrten Gesichtszüge.

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©Turbine Medien

Auch der Zuschauer wird als Figur in den Film eingebaut. Ähnlich der invaliden Figur des Franklins sind auch wir als Publikum von den anderen abhängig. Man begibt sich in die Hände eines Regisseurs, der einen durch den Film schiebt. Franklin hat stets das Bedürfnis Kontrolle zu haben – er möchte das Licht in der Dunkelheit halten – und in ihm schlummert auch eine Faszination für Gewalt. Hooper spielt mit dieser Figur und lässt sie – ohne dabei einen Tropfen Blut zu vergießen – von Leatherface mit seiner Kettensäge massakrieren.

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Es sollte gar kein Zweifel mehr daran bestehen, dass „The Texas Chainsaw Massacre“ zu den besten Filmen des Genres zählt. Sein fehlgeleiteter Ruf durch Indizierung und Titel wird angesichts dieses hässlich-schönen Films in den Wind geblasen. Ein Meisterwerk. Ein Jahrhundertfilm eben.

8.0/10.0
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