„Hügel der Blutigen Augen“


„Das letzte Haus links“ schlug ein wie eine Granate. Die Wirkung des Films muss unbeschreiblich gewesen sein und so war es für Wes Craven die Aufgabe, wie er seine Karriere am besten fortführen sollte. Es dauerte somit ganze fünf Jahre bis er sich auf den Leinwänden zurückmeldete. Sein neuester Streich „Hügel der blutigen Augen“ greift wie schon der Vorgängerfilm eine mittelalterliche Mär auf und verpflanzt diese in einen neuen Kontext.

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©NSM Records

Dabei geht Wes Craven vor allem recht ähnlich vor wie in seinem Vorgänger. Die narrativen Strukturen gleichen denen des 72er Grindhouse-Hits bis auf nur wenige Unterschiede. Hier ist es nämlich die gutbürgerliche Familie, die in die Lebenswelt der anderen Familie, wieder die Verlierer des American Way, Einsiedler in der Wüste, mutiert durch Inzucht und nukleare Waffentests, eindringt. Die zur scheinbaren Sicherheit des Volkes dienenden Tests der Atomwaffen haben nun die Gefahr geschaffen, die sich gegen eben dieses wendet. Deren Heimat wirkt so lebensfeindlich wie die rohe, einfache und primitive Brutalität der degenerierten Kannibalenfamilie selbst. Die Wüste inszeniert Craven als eine weite Leere. Der Wohnwagen der Familie steht einsam da. Er wirkt schutzbedürftig und den Gefahren, die die Wüste birgt schutzlos ausgeliefert. Das erkennt man schon daran, dass sich bereits wenige Minuten nach dem liegenbleiben in der Wüste eine Tarantel in das Innere des Wagens verirrt hat. Und startet der Angriff der Kannibalen schließlich mit der beinahe einem biblischen Opfer gleichenden Hinrichtung des Familienoberhaupts, ein konservativer Waffennarr, so ist es sofort dieser Wohnwagen der infiltriert wird. Es gibt für die Familie außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes keinen Schutz. Sie müssen feststellen, dass sie hilflos ausgeliefert sind.

Craven bettet dieses Gefühl eindrucksvoll in Bilder. Sein Regiestil wirkt weniger dokumentarisch als zuvor im letzten Haus links, ist jedoch nicht minder böse. Gewiss wurde „Hügel der blutigen Augen“ für wenig Budget produziert, was man diesem auch (zu?) oft ansieht. Dennoch lässt Craven keine Zweifel an seinem Genie aufkommen. Sei es sein geschicktes zusammenpuzzeln erzählerischer Elemente, die das Pulverfass des Aufeinanderprallens zweier Welten, aber auch die sozialen Spannungen innerhalb der Familie, konstruieren, zusammenhalten und hochgehen lassen, oder eben die Bilder, die in ihrer nachhaltig anhaltenden verstörenden Schockwirkung heute noch so tadellos funktionieren, wie sie es vor 38 Jahren taten. Gerade der großoffensive Angriff gegen eines der großen, unantastbaren Heile, der auf das unschuldigste Familienmitglied, das Neugeborene, gestartet wird, vollendet die exploitative Wucht dieses cineastischen Schlags in die Magengrube.

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©NSM Records

Qualitativ mag „Hügel der blutigen Augen“ Cravens Debütfilm „Das letzte Haus links“ nicht das Wasser reichen können, dennoch erhebt sich dieses Stück famosen Backwood-Terrorkinos, in der vier Jahre zuvor ausgerufenen Tradition eines „Texas Chainsaw Massacre“, über das Groß seiner (Sub-)Genrekameraden und spielt ganz deutlich in der Oberliga des Horrors mit. Craven schert sich abermals nicht um Tabus, erweitert den atmosphärisch-emotionalen Sturm aus Angst, Verzweiflung und Wut um die sozialkritischen Komponenten und schafft somit einen überzeitlichen Horrorfilm, der in seinem innersten Kern doch fest in den späten Siebzigern beheimatet ist. Auch sein zweiter Film ist somit ein Eintrag in die Geschichtsbücher des Horror und des Kinos im Allgemeinen. Ein solches Kino – und das hat das durchaus gute Remake bewiesen – ist ein Relikt alter Tage. „Hügel der blutigen Augen“ ist ein Beweisstück eines qualitativ hochwertigen B- und Schundkinos, das heute leider ausgestorben ist.

7.0/10.0
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