„Das letzte Haus links“


Ein Jahr vor „Texas Chainsaw Masscare“, 1972, erschien ein Film, der nicht nur das Horror-Genre für immer grundlegend verändern sollte, sondern auch die Karriere des bis heute größten Horrorfilmemachers überhaupt, Wes Craven, begründen sollte. „Das letzte Haus links“ wurde unter anderem damit beworben, dass man, um nicht in Ohnmacht zu fallen, ständig wiederholen solle, dass es nur ein Film sei. Bis heute gibt dieser Film Zensuranstalten zu tun und ist in Deutschland immer noch verboten.

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©NSM Records

Sich an Ingmar Bergmans „Die Jungfrauenquelle“ orientierend, entfesselt Craven eine Hölle über die Bürgerlichkeit der Mittelschicht. Eigenen Aussagen zu Folge, wollte Craven nichts anderes als die Bilder grauenhafter Gewalt, die er aus unzensierten Aufnahmen aus Vietnam kannte, in seinen Film übertragen. Bis dato kannte man es im Kino zwar, dass Leute starben, doch man sah ihnen nie beim Sterben zu. Der Moment des Todes wurde nie von der Kamera eingefangen. Doch der aus dem Bereich der Pornografie und des Dokumentarfilms stammende Wes Craven kannte das Wegblenden nicht. Dieses rohe Ungestüme eines Spielfilmunerfahrenen machte wohl ein Kunstwerk dieser Intensität erst möglich. Im folgenden ist mein Beitrag zur diesjährigen Aktion Lieblingsfilme der Website moviepilot.de wiedergegeben, der meine Reaktion und Empfindung dem Film gegenüber haarscharf beschreibt:

Ich stelle mir häufig die Frage, was mich an diesem Film so packt, so fesselt, so aufreibt. Was ist es, das ich in „Das letzte Haus links“ sehe, dass mich psychisch und physisch so mitnimmt? Weshalb erzeugt der Film in mir das Gefühl, das ich mich dagegen Aufbäumen will. Aufbäumen gegen das, was dort geschieht. Aufbäumen gegen den Pessimismus, der durch den Film mit mir kommuniziert und in mich einzudringen versucht.

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©NSM Records

Ich will so etwas Schlimmes nicht sehen. Ich will nicht sehen, wie zwei so jungen, hübschen Mädchen so schreckliches Leid wiederfährt. Ich will Phyllis nicht dabei zusehen müssen, wie sie abgestochen versucht davon zu kriechen, niedergetreten und schließlich ausgeweidet wird, bis jedes letzte Häufchen Würde aus ihr entwichen ist. Und ich will auch nicht sehen wie Mari Collingwood zu dem Eigentum von Krug Stillo degradiert wird, der von David Hess so erschreckend-fabelhaft und naturgewaltig gespielt wird, dass ich mir wünsche, solche Bösen Menschen gäbe es nur im Film. Doch gerade die Einblende zu Beginn suggeriert mir eigentlich, das dem nicht so ist – dahingestellt ob diese Ereignisse tatsächlich jemals so geschehen sind. Und vielleicht ist es auch gar kein Zufall, dass das Bild, in dem Krug Stillo die Waffe auf Mari richtet, die in den See gestiegen ist, um dort die Erniedrigung abzuwaschen, mich an die Fotografie des südvietnamesischen Polizeichefs erinnert, der ein Vietcong-Mitglied in Saigon auf offener Straße hinrichtet…

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©NSM Records

Wahrscheinlich ist es für mich noch viel erschreckender, dass ich am Ende lernen muss: Um das Böse zu besiegen muss man wohl selbst zum Bösen werden. Man muss gnadenlos und erbarmungslos sein. So wie Maris Eltern. Man muss selbst zu den animalischen Lebensvernichtungsmaschinen werden, die man eigentlich bekämpfen will – und selbst wenn man sich dabei im Recht wähnt, so ist es dennoch notwendig die Errungenschaften der „Zivilisation“ abzulegen.

Was ist dann eigentlich, wenn man sich dem Bösen nicht zur Wehr setzt. Wird man dann von ihm abhängig so wie der arme Junior Stillo? Der arme, arme Junior Stillo. Nie habe ich so großen Horror empfunden, als in der Szene in der sein Vater ihn in den Selbstmord treibt. Krug Stillo schreit und schreit ihn an. Dabei sehen wir nur David Hess‘ Gesicht im Profil bis wir schließlich den Schuss hören.

„Listen to daddy. I want you to take the gun, and I want you to put it in your mouth, and I want you to turn around and blow your brains out. Blow your brains out, BLOW YOUR BRAINS OUT!“

David Hess, du machst mir Angst.

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©NSM Records

Dann sind da noch diese beiden Cops. Die vor Inkompetenz triefenden Cops als Teil eines im Angesicht des Grauens machtlos wirkenden Staatsapparates. Die debile Komik, die die beiden Polizisten in den Film werfen, fügt dem Grauen eine neue Seite hinzu. Hauptsächlich weil man das Lachen schon verlernt hat. Jedenfalls sind sie Ausdruck einer Wut. Einer tiefsitzenden Wut und einer Anklage. Eine Anklage wogegen eigentlich? Gegen die Welt? Gegen die Menschen? Gegen all das Schlechte und unsere Machtlosigkeit im Chaos des Schreckens um uns herum? Was ich mich frage: Woher hat ein erst 33-jähriger Regisseur diese Wut?

Mein Freund und Mentor Timo K. meinte einmal, dass er Film als eine Auseinandersetzung mit sich selbst sehen würde. Ich habe seit langer Zeit keinen Film mehr gesehen, der mich so intensiv zu einer Auseinandersetzung mit mir selbst gebracht, ja gezwungen hat. Er hält mich manchmal wach. Manchmal wenn ich nichts zu tun habe schweifen meine Gedanken ab und ich sehe David Hess diabolisch grinsen.

Es gibt Filme, die sind wie ein Schlag in die Fresse. „Das letzte Haus links“ ist mehr. Am Ende möchte man die Augen schließen und all den Schrecken, den Terror, die Folter und das Leid an sich vorbeiziehen lassen und seinen Weg unbehelligt weiter gehen. Doch: The road leads to nowhere.

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©NSM Records

Es ist Kino in seiner reinsten Form. Kino so roh, so ungestüm, so hemmungslos, so gewaltig. Ein Kino der Gegensätze und der Wut. Kunst so direkt und pessimistisch. Film so hässlich schön.

8.5/10.0
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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. jacker sagt:

    Sehr schön. Ich mag derart persönliche Texte!

    Ich glaube Kino als Außeinandersetzung mit sich selbst zu sehen, ist der entscheidende Punkt, welcher (vorsicht, pseudo-elitäre Formulierung) Cineasten von reinen Konsumenten unterscheidet. Der Abgleich mit der eigenen Realität und Weltsicht, die Konfrontation mit Problemen, etc. die einem real nie begegnen würden. Ich glaube schon, dass mir persönlich Film über die Jahre geholfen hat, gewisse Ansichten und Moralvorstellungen zu entwickeln…

    1. Tim sagt:

      Vielen Dank 🙂
      Grade bei Lieblingsfilmen scheitere ich daran, die nüchterneren Kritiker-liken Töne anzuschlagen, weshalb ich den Text, der es einfach auf den Punkt bringt, was ich für den Film epmfinde, nocheinmal verwerten wollte. Mir geht es da genau wie dir. Viele Filme und manchmal auch Bücher haben zu meinem Weltbild beigetragen und helfen mir dabei es stets weiter zu entwickeln. Das gehört zum reichhaltigen Erfahrungsschatz Film, um den man sich bringt, wenn man Filme nur konsumiert.

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