„Tenebre“


„Tenebrae“ bedeutete für Dario Argento 1982 eine Wiederkehr zum klassischen Giallo. Es sollen persönliche Erlebnisse gewesen sein, die ihn die Geschichte rund um den Romanautor und der von seinem Werk inspirierten Mordserie erzählen lies. Wie typisch für Argentos Werk wurde auch dieser Film weltweit von Zensuranstalten bis zur Unkenntlichkeit entstellt und ist in Deutschland gar immer noch indiziert und beschlagnahmt. Dieser Rezension liegt der 101-minütige Director’s Cut zu Grunde.

tenebrae
©XT-Video

Argento schlägt in „Tenebrae“ gänzlich andere Töne an, als er es zum Beispiel in „Suspiria“ tat. Der in „Suspiria“ so legendär-surreale Stil mit seiner (alb)traumhaften Beleuchtung und Farbgebung, weicht in dem 1982er Giallo einem weitaus bodenständigeren und einfacheren Bildsprache. Visuell dominiert die Farbe Weiß, nur um immer wieder vom tiefen Rot des Blutes befleckt zu werden. Eine oberflächliche Reinheit wird immer wieder durch den Einbruch der Gewalt zu Nichte gemacht. Dabei lenkt uns Argento aus der Perspektive des Killers durch den Film. Seine Kamera ist intensiv und scheint bemüht stets eine tief innere voyeuristische Lust zu befriedigen. Dabei wird der große Meister des Giallos wieder einmal seinem Ruf gerecht ein Regisseur zu sein, der sich vor allem auf seine absolut überragende Ästhetik verlässt. Die den Film antreibende Geschichte und vor allem das Drehbuch (Stichwort: Fremdschämdialoge) sind sehr bescheiden. Leute, die nichts lieber tun als Filme auf Continuityfehler und Logiklöcher zu prüfen, wird „Tenebrae“ einiges zu tun geben – doch Argento ist über so etwas erhaben.

Trotz der Fokussierung auf die ästhetischen Aspekte, weiß Argento über eine Geschichte zu kommunizieren. Seine Hauptfigur der Romanautor sieht sich nämlich in einer frühen Szene mit Misogynie-Vorwürfen seitens einer Journalistin konfrontiert. Der Wortlaut der Journalistin spiegelt wieder, was auch – insbesondere über sein Giallo-Frühwerk – ihm entgegenschlug. Dabei widmet sich Argento diesem beinahe schon verspielt. Zuerst die klassische Trennung zwischen Künstler und Kunst, nur um diese später wieder (ironisch?) zu brechen.

tenebrae-movie-poster

Am Ende des Tages ist „Tenebrae“ vor allem aufgrund seines Stellenwerts im Werk Argentos interessant. Seine visuelle Perfektion ist über jeden Zweifel erhaben, wie zum Beispiel die hölzernen Darsteller um Golden-Globe-Preisträger Anthony Franciosa und Italowestern-Star Giulliano Gemma. Die Rückkehr zu den Wurzeln ist gezeichnet durch eine schlichte Unwirklichkeit – sei es durch legendär gewordene Kamerafahrten oder einen durchaus als perfekt zu bezeichnenden Soundtrack.

6.0/10.0
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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. jacker sagt:

    Ich muss mir endlich mal mehr Argento-Werke besorgen. Was du über die weiss/rot Ästhetik schreibst, könnte mir gut gefallen. SUSPIRIA fand ich zwar im Abgang öde, ästhetisch aber über ALLES erhaben!

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