„Suspiria“


Fragt man nach den wegweisendsten Werken im Horror, so wird man als Antwort, neben anderen hochgeschätzten Genreklassikern, zwangsläufig „Suspiria“ von Dario Argento erhalten. Dieser Ruhm kommt nicht von ungefähr. Argento verließ nach „Profondo Rosso“ die Gefilde des klassischen Giallo. Er verließ den Handlungsort Italien und führte seine Hauptdarstellerin in den Schwarzwald nach Freiburg im Breisgau. Es waren nicht länger normale Killer, die Inszenierung weniger geerdet – ja, „Suspiria“ war etwas gänzlich anderes. „Suspiria“ war, und ist immer noch, ein Höllentrip.

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©84 Eightyfour Entertainment

Die ersten Momente und Szenen wirken noch recht Giallo-typisch. Ein junges Mädchen wird von einem Killer mit Hieb- und Stichwaffe verfolgt, gemetzelt und durch Scherben von zu Bruch gegangenen Fenstern – dafür hatte Argento immer eine Vorliebe – zusätzlich malträtiert. Für die junge amerikanische Protagonistin beginnt mit der Geschichte eine wundersame Reise in eine merkwürdige, neuartige Welt. Mitten in der stürmischen Nacht kommt sie in Freiburg an und fährt mit dem Taxi durch dunkle Wälder. Argentos Stamm-Soundtrackband Goblin fügt durch ihr psychedelisches Glockenspiel dem sofort die richtige Note an hypnotisierenden Wahnsinn und dunkel-magischer Surrealität hinzu.

Seinen einzigartigen visuellen Stil treibt Argento hierbei an die Spitze. Er kreiert her eine eigene Welt, die eigenen Regeln und eigener (Un-)Logik folgt. Er erhebt sich und setzt sich über die Konventionen hinweg und setzt seine gesamte filmische Macht ein, um eines zu erreichen: den Zuschauer mit seiner Protagonistin in einen sich real anfühlenden alptraumhaften Zustand zu versetzen. Dabei entsteht ein dauerhaftes Gefühl der Unsicherheit, wenn alle gewohnten Sicherheiten außer Kraft gesetzt sind und ein Blinder nicht mehr vor seinem eigenen Hund sicher ist.

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©84 Eightyfour Entertainment

Die Figuren sind dabei der Bruch in der Symmetrie der Hallen der Tanzschule. Das dort gelehrte Ballett wirkt weniger als Tanz, sondern vielmehr wie der eingebläute Zwang sich dieser lebensfeindlich wirkenden Symmetrie zu unterwerfen. Das Vordringen der Hauptdarstellerin und ihr Kennenlernen des Schreckens bis hin zu ihrem Abstieg in das Herz des Hexenzirkels gemahnt dabei an düstere Versionen klassischer Märchen bei denen auch des Öfteren Hexen die Antagonisten waren und auch an „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll.

„Suspiria“ markiert eine Sternstunde eines Kinos, das den Plot lediglich als Aufhänger für eine (über-)sinnliche Bilderflut sieht. Es lassen sich viele Kritikpunkte an Argentos großem Vorzeigewerk ausmachen – besonders wenn man danach sucht. Nichtsdestotrotz ist „Suspiria“ ein Film der vollkommenen Erhabenheit. Argento interessiert sich nicht dafür, Erwartungen gerecht zu werden und Konventionen zu erfüllen. Sein Werk ist loseglöst und völlig befreit von Zwängen. Es ist Kino in seiner schönsten Art. Es ist Argento so losgelöst und ungehemmt. „Suspiria“ ist Film gewordener Albtraum, bei dem es gut vorstellbar ist, jede Sekunde schweißgebadet zu erwachen. Doch dies geschieht erst, wenn der Abspann über den Bildschirm zieht.

7.5/10.0

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