„28 Days Later“


Bevor mit „The Walking Dead“ die postkomatische Zombie-Apokalypse zum Massenfernsehkult wurde, bevor Zack Snyder sprintente Untote auf die Erde los ließ, kam Anfang der 2000er mit „28 Days Later“ eine frische Wiederbelebung des Zombiefilms, der seit den Tagen Romeros und Fulcis quasi unter die toten Toten gegangen war, aus der Hand eines Mannes, der heute größtenteils für seinen Oscarabräumkitsch „Slumdog Millionär“ bekannt ist.

Boyles Bilder der Apokalypse wirken größtenteils unverbraucht. Sein London ist eine graue, leblose Ansammlung aus Gemäuer, Stahl und Glas. Die Wolken hängen schwer über der Metropole an der Themse, auch sie sind grau doch regnen nicht. Die einzige Farbe: die türkise Krankenhaus-Klamotte von Protagonist Jim, der gerade aus dem Koma hinaus in den Menschheitsuntergang erwacht ist. Als er sich der Realität bewusst wird, gibt es für ihn andere Kleidung. Die einzige Farbe in dieser Welt ist blutrot, wenn die Infizierten auf der Bildfläche erscheinen. Sie bringen auch Dynamik, in die sonst statische Welt des Films. Leuchtend bunt wird es erst wieder, wenn Protagonist Jim mit Kampfgefährtin Selena auf Vater Frank (wieder einmal fabelhaft: Brendan Gleeson) und Tochter Hannah treffen, die von ihrem Hochausappartement aus mit Weihnachtsleuchten auf sich aufmerksam machen. Und dann kommt eine ganz andere Dynamik ins Spiel. Lebensgeister erwachen beim humoristischen Einkauf im leeren Supermarkt – gleich eine Handvoll Flaschen 16-jährigen Single Malts werden eingepackt – bis hinaus aufs Land auf der Suche nach dem heilbringenden Militärstützpunkt , wo es endlich saftige Grüntöne gibt. Hoffnung entsteht und wird dann gnadenlos zerschmettert. Franks Rage ob der vermeintlichen Enttäuschung, dass es scheinbar keine Armee mehr gibt, führt in die Transformation zum Infizierten, der schließlich im Kugelhagel des Militärs zu Boden geht. Doch dieses Militär erweist sich als eine Ansammlung kaputter Männer, die jede Menschlichkeit längst abgelegt haben. Der, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hat, sich Gedanken macht, die über die Befriedigung seiner Triebe hinaus gehen ist der Außenseiter dort. Die vermeintliche Erlösung entpuppt sich als Mausefalle.

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©20th Century Fox

Grade im letzten Drittel offenbart Boyle sein großes Vorbild. Kein geringerer Film als George A. Romeros „Day of the Dead“ lieferte für das Szenario in der zweiten Hälfte des Films die passende Inspiration. Zunächst scheint schließlich auch alles verloren; das Recht des Stärkeren dominiert, Jim wird zur Exekution geführt und die beiden Frauen stehen kurz vor der Massenvergewaltigung. Lange Zeit scheint es, als würde Selenas misanthropischer Nihilismus triumphieren. Das Happy-End wirkt diesem zwar entgegen, doch in seiner beinahe surrealen Ästhetik und dem Fakt, dass die sich neu ergebende Hoffnung ähnlich der alten zunächst nur äußerst vage ist, taumelt der Film doch unentschlossen (zu unentschlossen?) zwischen den Möglichkeiten umher.

Boyles Zombiefilm hebt sich vom Groß des Genres vor allem durch seiner Bildgestaltung ab. Er verzichtet nicht auf genretypische Elemente, doch genießt es auch den Horror für ein paar Minuten des zwischenmenschlich-schönen zu brechen. Oft schwingt ein angenehmer, manchmal bitterböser Zynismus mit. Genauso wie Seitenhiebe unter die Gürtellinie der Bio- und Ökotrends. Es sind militante Tierschützer, die das Grauen auf die Menschheit loslassen, und Frank lobt sich die chemisch behandelten Äpfel, die als einziges Obst im Regal noch nicht verfault sind. Boyle kreierte mit „28 Days Later“ etwas Einzigartiges und Herausstechendes. Alleine der Showdown, der ein wahres Lehrstück in Sachen Horrorschocker, ist den Film wert.

6.5/10.0
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