„Frontera“


„Frontera“ ist nichts Geringeres als der Film der Stunde. Es ist geradezu erbärmlich, dass dieser Film keine Kinoauswertung bei uns erfahren hat, ist er mit seiner Flüchtlingsthematik doch hochaktuell und wird der Komplexität des Themas absolut gerecht. Der in den USA bereits vor einem Jahr erschienene Film braucht die Konkurrenz mit den Kinohighlights dieses Jahr keinesfalls scheuen, weder qualitativ noch das Einspielergebnis betreffend, denn mit einem Box-Office von 25,4 Millionen Dollar bei einem Budget von 2,3 Millionen war der Film mehr als rentabel.

Drei dumme Jungen schießen mit den Gewehren der Väter auf zwei illegale mexikanische Einwanderer und bringen dabei das Pferd einer helfenden Frau zum scheuen, worauf diese Stürzt, sich den Kopf aufschlägt und stirbt. Roy (brillant: Ed Harris) sieht den einen Einwanderer namens Miguel (ehrfürchtig und subtil-gut: Michael Pena) noch davon rennen, doch kann seiner Frau nicht mehr helfen. Wenig später wird Miguel verhaftet und seine schwangere Frau Paulina (durchaus beeindruckend: Eva Longoria) reist ihm nach und gerät in die Hände von entführenden Schleppern.

Frontera1
©Lighthouse

Der Film beginnt mit dem, was normalerweise im Verborgenen bleibt. Er zeigt Flüchtling Miguel vor der Flucht bei seiner Familie in Mexiko. Die Flucht selbst ist eine Tortur durch die staubige Wüste und in Amerika angekommen prallt man auf den Hass der Leute. Die drei Jugendlichen, die aus Spaß auf die Ankommenden schießen und ihnen „nur Angst machen“ wollen, erinnern im Anbetracht der aktuellen Ereignisse natürlich sofort an die österreichische rechte Bewegung der „Grenzhelfer“, die auf eigene Faust Zäune an der österreichisch-ungarischen Grenze errichten. Regisseur Michael Berry lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es die Solchen sind, die die Problematiken verschlimmern und von einer Lösung abhalten. Dann passiert etwas Hochinteressantes: Roy reimt sich aufgrund dessen was er auf den ersten Blick sieht eine Geschichte zusammen, die er schließlich der Polizei erzählt. Nachdem diese Miguel festgenommen hat, erzählt dieser wiederum die Wahrheit und von den Schüssen – etwas, das Roy längst ausgeblendet hat. Daraufhin beginnt Roy auf eigene Faust zu ermitteln, besucht den Ort des Geschehens abermals und beginnt wortwörtlich tiefer zu graben. Er legt die Wahrheit frei, indem er seine bisherigen Sichtweisen hinterfragt und sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt. Schließlich findet Roy die Patronen und die dazugehörigen Hülsen womit es ihm gelingt, die tatsächlichen Hintergründe zu beleuchten. Berry tut nichts Geringeres als in einem physischen Vorgang unsere Pflichten – sei es in der USA oder in bei uns Europa – zu bebildern und einen Apell an uns und unsere Vernunft zu richten. Desweiteren gibt es da auch noch einen Heckenschützen, der nicht nur neben die Flüchtlinge schießt, sondern auf sie mit der Absicht sie zu töten. Sein PKW trägt die Aufschrift, er täte das, wozu die Regierung nicht genug Mut hätte. Man kann die Jungen vom Anfang also als Mitläufer (es besteht in der Handlung zwar keinerlei Zusammenhang zwischen ihnen, aber den braucht es auch nicht) des Killers sehen. Doch dieser ist eigentlich fast schon das geringere Problem – Roy hält ihn schließlich davon ab, ein weiteres Mal abzudrücken. Und verhält es sich nicht so auch in der Realität? Egal ob es sich um schwachsinnige Nationalisten, zurückgebliebene patriotische Europäer handelt oder verpeilte österreichische Freiheitliche: ohne ihre Mitläufer wären sie nur halb so stark.

Frontera-2
©Lighthouse

Michael Berry ist zwar nicht der beste Film des Jahres (dafür gilt es sich mit Ryan Goslings „Lost River“ zu messen) gelungen, aber der wahrscheinlich wichtigste. Er verweigert sich konsequent einfache Lösungswege einzuschlagen und sucht immer nach einer tieferen Wahrheit. Dabei könnte man ihm oft eine gewisse Kälte vorwerfen. Sein Stil ist dokumentarisch und distanziert, genau das, was von Nöten ist. Das deemotionalisierte Aufzeigen der Sachlage verhindert nämlich ein Abrutschen in den Betroffenheitskitsch, wie es unter links-liberalen Hipstern gerne der Fall ist, und kreiert jedoch wieder ein Fingerspitzengefühl, das dringend angemessen ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s