„Zwei Glorreiche Halunken“


Fragt man Quentin Tarantino nach seinen Lieblingsfilmen, so nennt er meist „Zwei Glorreiche Halunken“ als einen von ihnen. Der Einfluss dieses Films auf das Werk des Kult-Regisseurs ist unverkennbar, denkt man zum Beispiel an den mit dem Opfer speisenden Killer Jules aus „Pulp Fiction“, der in dieser Form an Lee van Cleefs Charakter Sentenza angelehnt ist. Doch nicht nur im Werk Tarantinos hinterließ dieser Film seine Spuren: Bis heute ist „Zwei Glorreiche Halunken“ auf vielen Bestenlisten vertreten und wird oft zum besten Western aller Zeiten gekürt. Und tatsächlich ist Sergio Leone hier nichts Geringeres als ein Meisterwerk gelungen.

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Inhaltlich ist „Zwei Glorreiche Halunken“ ein Prequel, ist er doch zeitlich vor „Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“ angesiedelt, auf einer tieferen Ebene jedoch, ist er nicht nur Prequel sondern auch – besonders formal gesehen – ein Sequel. Denn der in den Vorgängerfilmen begonnenen Kapitalismuskritik wird hier ein Ausgangspunkt geboten. Im ersten Akt erzählt Leone von der Wertsteigerung. Tuco, fabelhaft gespielt von Eli Wallach, und der Blonder, cool wie immer: Clint Eastwood, gehen ein Geschäft ein, in dem der Blonde Tuco immer wieder an die Behörden ausliefert, dessen Kopfgeldeinstreicht, ihn dann befreit und sich somit die Prämie auf seinen Kopf erhöht. So beginnt nun der Kapitalismus vor dem Hintergrund des Amerika prägenden Sezessionskriegs aufzublühen.

Wie auch in den Vorgängerfilmen zieht sich dieses Motiv durch den ganzen Film und auch der Freundschaft zwischen Tuco und dem Blonden wird nur dadurch ein Boden gegeben, dass sie bei der Jagd nach der Kriegskasse der Konföderierten auf einander angewiesen sind. Der eine weiß, auf welchem Friedhof das Geld liegt, der andere in welchem Grab. Im Englischen heißt der Film „The Good, the Bad and the Ugly“, eine wortwörtliche Übersetzung aus dem Italienischen. Dabei ist der Blonde der Gute, Tuco der Hässliche und Sentenza der Böse. Doch was bedeutet die Kategorie des Hässlichen eigentlich? Gut und Böse kennen wir, doch das Einschieben des Hässlichen, also einer Grauzone, ist eigentlich unbekannt. Doch bei genauerem Hinblicken und Hinhören fällt eigentlich auf, dass sich alle drei abseits jeder Moral bewegen und dass die Einteilung in welche Kategorien auch immer etwas gänzlich Willkürliches ist. Auch Ennio Morricone scheint dies verstanden zu haben, indem sich die individuellen Leitmotive der drei Hauptcharaktere aus derselben Melodie bestehen und nur im Klang unterschiedlich sind und im Titelstück fließend in einander übergehen. Nicht zuletzt aufgrund solcher Gegebenheiten ist Ennio Morricone der unübertroffene König der Filmmusiken.

Schließlich, nach langer Odyssee durch den vom Krieg gezeichneten und verwüsteten Wilden Westen, sind Tuco und der Blonde dem Friedhof ganz nahe. Doch während Tuco sich aufmacht und zum Friedhof läuft, hält der Blonde einen Moment inne. Er entdeckt einen im Sterben liegenden jungen Soldaten. Er reicht ihm seinen Zigarillo, lässt ihn ein paar kräftige Züge nehmen und deckt ihn schließlich mit seiner Jacke zu. Im Hintergrund läuft das Stück „Morte di un Soldato“ („Tod eines Soldaten“) während der Blonde wartet bis der Tod eintritt. Doch er nimmt seine Jacke nicht wieder zu sich, sondern den grün-gelben Poncho, der in der Ecke liegt. Der ikonische Charakter aus den Vorgängern ist geboren und es scheint auch, als ob in dem Poncho die Einsicht steckt, dass egal was man tut, die Jagd nach dem Gelde immer weitergehen und der Tod junger Männer immer unvermeidbar sein wird. Es ist ein emotionaler Moment der Ruhe, bis es schließlich weiter und weiter bis zum furiosen Finale geht.
Während dies nun das Prequel „Zwei Glorreiche Halunken“ ausmacht, sind es die ästhetischen Werte, die diesen Film zu einem formvollendeten Nachfolger machen. Auf der einen Seite ist es dem hohen Budget zuzuschreiben, dass die Ausstattung imposanter ist, die Szenerie aufwändiger und vor allem der Film länger ist – mit seiner 179-minütigen Laufzeit ist beinahe schon von einem Monumental-Italo zu sprechen. Besonders gegen Ende hin bedient Leone alle Hebel und alle Möglichkeiten, die das Kino zur damaligen Zeit boten. Er spielt mit den Extremen, paart extreme Nahaufnahmen, die noch viel näher sind, als jene aus den Filmen zuvor und nur noch die Augen und Teile der Nase einfangen (in „Spiel mir das Lied vom Tod“ wird dies noch einmal gesteigert!), mit Super-Totalen, bei denen die Hauptdarsteller nur noch kleine Figuren in der Landschaft sind. Dann treffen die Kontrahenten und zweifelhaften Geschäftspartner sich in der runden Mitte des Friedhofes, einer Arena, und Morricone bedient alle orchestrale Macht um den großen Mexican-Standoff angemessen zu untermalen. Mit einem auf drei Tönen und drei Stimmen basierenden opernhaften Stück wird gestarrt, geschwitzt, gezittert. Schließlich weiß die Musik schon nicht mehr ob sie den nun überhaupt das Duell entmystifizieren oder glorifizieren soll, sondern entlädt einfach ihre ganze Kraft und Magie.

Nur wenigen Regisseuren gelingt im Laufe ihrer Karrieren ein Ausnahmefilm wie dieser. „Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“ erscheinen im Angesicht dieses auf Zelluloid gebannten Meisterwerks nur mehr wie handwerkliche Übungen, die dem Regisseur das nötige Prestige hierfür einbringen sollten. Nicht nur, dass dieser Film viele der besten Szenen und Filmmomente überhaupt inne hat, nein, er transportiert auch den Geist, die Vision, das Genie und den Charme eines großen Filmemachers, eines großen Künstlers über die Grenzen des Kinos hinaus.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. jacker sagt:

    Was alle daran so lieben konnte sich mir in bis jetzt nur einer Sichtung nicht im Ansatz erschließen. Finde den im Vergleich zu den Vorgängern II lang und künstlich aufgebläht. Aber prüfe das irgendwann nochmal 😉

    1. Tim sagt:

      Tzzzz, das nennt man Epos 😀

      1. jacker sagt:

        Dass “Epen“ scheinbar nicht mein Ding sind, ist mir schon mehrfach aufgefallen.

  2. Bogartus sagt:

    Hat dies auf Bogartus Welt rebloggt und kommentierte:
    Na dann reblogge ich wieder einen wunderbaren Film mit drei tollen Schauspielern, wobei Eli Wallach wohl besonders zu erwähnen ist. Die Wertung 8,5 Punkte mit einer Tendenz zur 9 finde ich auch in Ordnung. 😉

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