„Für ein paar Dollar mehr“


Nach dem bahnbrechenden Erfolg von „Für eine Handvoll Dollar“ hatte Sergio Leone für den Nachfolger „Für ein paar Dollar mehr“ nun ein vernünftiges Budget zur Verfügung, mit dem er so einiges anfangen konnte. Und man spürt die finanziellen Mittel in beinahe jeder Szene. An der Seite Clint Eastwoods agiert nun ein zweiter Amerikaner. Lee van Cleef, bis dato Nebendarsteller zahlreicher US-Western („Zwölf Uhr mittags“), reitet nun gemeinsam mit Clint Eastwoods berühmt-berüchtigten Poncho-Träger.

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©Universum Film

Leone lässt sich dramaturgisch viel Zeit seine beiden Hauptcharaktere zu etablieren und sie auf einander zulaufen zu lassen. Der von Lee van Cleef gespielte Charakter des Douglas‘ Mortimer ist der zielstrebig berechnende Charakter, dessen auftreten beinahe schon bewusst von ihm in Szene gesetzt wird. Er biegt sich die Welt um sich herum zurecht. Clint Eastwoods Monco hingegen, den Namen Joe aus Teil Eins scheint er abgelegt zu haben, ist um einiges gelassener. Er raucht Zigarillos, Mortimer Pfeife. Sein Colt ist kurzläufig und durchschlagskräftiger, der von Mortimer langläufig, zielgenauer.
Ihnen gegenüber steht wieder Gian Maria Volonté. Sein El Indio übertrifft den Schurken aus „Für eine Handvoll Dollar“ noch einmal. Er ist von einer gewissen Getriebenheit gezeichnet und noch einmal um einiges kaltblütiger. Wir lernen ihn als Familienmörder kennen. Besonders cool: er raucht Marihuana ähnliche Drogen, die ihn immer in bewusstseinserweiternde Sphären versetzen. Während seines ersten Rausches geschieht setzt eines von Leones großen Markenzeichen ein: eine nicht näher definierte Rückblende, die erst im Finale näher erläutert wird.
Da, wo Leone seine Kapitalismuskritik in „Für eine Handvoll Dollar“ begonnen hat, wird diese nun weitergeführt. Seien es die Gangster, die nur den Gewinn in Augen haben, die von ihrem Boss El Indio in einer Kirche, einer Predigt gleich, den Plan zum nächsten Bankraub erklärt bekommen oder das Kind, das aus jeder sich ergebenden Situation sofort Profit zu schlagen weiß. Er zeichnet den (Wilden) Westen als ein rein aus der Gier nach Kapital getriebenes Land, in dem die Wertigkeit des Menschen erst nach dessen Tod in Form von Kopfgeld eintritt. Bereits zu Beginn erklärt eine einleitende Texttafel: „Wo das Leben keinen Wert besitzt, hat der Tod oftmals seinen Preis.“
Am Ende zerschlägt die Gier nach dem Geld auch die einst so zusammenhaltende Bande (u.a. Klaus Kinski in einer Nebenrolle) und sie beginnen sich gegenseitig zu zerschlagen. Doch Monco muss im Finale Douglas Mortimer weichen, dessen Charakter schließlich persönliche Gründe für die Jagd nach El Indio offenbart. Dann befinden sich beide im Kreisförmigen Areal – der angedeuteten Arena, einem weiteren später auftretenden Western-Markenzeichen Leones – und nachdem El Indio zu Boden geht, trennt Mortimer das Persönliche vom Geschäftlichen und lässt Monco mit dem gesamten Kopfgeld der Bande von dannen ziehen. Und doch das erschütternde Bild am Ende: Der nun reiche Monco zieht einen Wagen voller Leichen hinter sich her.
Außerdem wird die Männerfreundschaft in diesem Film weiter Thematisiert. Wo sie im ersten Teil angedeutet wurde, wird sie nun hier in manchen Szenen ganz zentral in den Mittelpunkt gestellt. Am Anfang wird einander noch mit Misstrauen begegnet, doch dann entwickelt sich schließlich aus der Geschäftsbeziehung der Männer eine auf gegenseitigem Respekt beruhende Freundschaft. Ein weiteres sich stetig durch Leones Werk ziehendes Motiv. Der Filmhistoriker Sir Christopher Frayling führt dies auf den unerfüllten Bruderwunsch Leones zurück.
„Für ein paar Dollar mehr“ ist eine mehr als gelungene Fortsetzung, die den ersten Teil in allen Belangen übertrifft. Zum einen experimentiert Leone noch herum, findet neue ästhetische und inhaltliche Gestaltungsmittel, die ihm zusagen, zum anderen führt er aber auch die schon im ersten Teil vorhandenen Mittel weiter aus. Besonders wenn schließlich im, im Vergleich zu Teil Eins ausgebauten Duell, die Orgeln des Morricone-Scores ihre Töne herausspucken, die Trompete beinahe schon pathetisch quietscht und ein zurückhaltender Chor im Hintergrund die Stimmen erhebt und die schnellen Schnitte die Close-ups auf die Leinwand peitschen, dann bedient sich Leone einer Sprache, der sich nur das Kino zu bedienen weiß.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. jacker sagt:

    Ist mein liebster aus der Dollar-Trilogie! So herrlich irre zwischendurch (Lach-Szene), aber insgesamt noch fokussierter als der heißgeliebte (in meinen Augen aber viel zu lange und zerfranste) THE GOOD, THE BAD & THE UGLY.

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