„Für eine Handvoll Dollar“


In der Ankündigung dieser Werkschau bereits angesprochen, war „Für eine Handvoll Dollar“ damals etwas gänzlich Neues. Es war nicht der erste europäische Western und auch nicht der erste italienische. Doch es ist dem Genie des Visionärs Sergio Leone anzurechnen, dass aus diesem Film schließlich wurde, was er ist. Bereits die Pop-Art Titelsequenz untermalt von Ennio Morricones einzigartiger Musik gibt den entsprechenden Ton des Films an: Er ist ein Kind seiner Zeit.
Dann Auftritt des Helden. Clint Eastwoods Joe ist so ganz anders als die Hauptfiguren des Genres, die man bislang so kannte. Die großen Figuren des amerikanischen Westerns – John Wayne, John Stewart und andere – waren mittlerweile in einem Alter, wo man sich sorgen musste, ob sie denn überhaupt noch auf das Pferd kamen. Sie alle waren Produkte eines gewissen Idealismus, die Werte und Ideale vertraten. Doch Clint ist ganz anders. Er ist sozusagen Krisenprofiteur, der in die Stadt kommt und parasitär beginnt die Lage des Bandenkrieges zwischen den Rojos und den Baxters auszunutzen.

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©Constantin Film

„Die Baxters auf der einen Seite, die Rojos auf der anderen. Da werd´ ich mir ein Plätzchen in der Mitte suchen.“

Und so beginnt er die verfeindeten Lager gegeneinander auszuspielen, bis schließlich etwas geschieht, was seine Sicht der Dinge grundlegend verändert. Ramon, der Anführer der Rojos, hat ein Auge auf Marisol, eine verheiratete Frau mit Kind geworfen, und trennt diese somit von ihrer Familie. Während der Übergabe Marisols an die Rojos kommt es schließlich zum alles verändernden Ereignis. Die jaulende Trompete bläst ihr Klagelied zum Himmel empor, das Kind Marisols, Jésus, weint, will zur seiner Mutter. Schließlich rennt es seiner Mutter in die Arme, der Vater hinterher. Die Familie wird auf dem staubigen Platz zwischen den Konfliktparteien wieder verarmt. Beobachter des Geschehens sind Joe und der Saloonbesitzer Silvanito. Und letzterer ist es auch, der schließlich Initiative ergreift und die Waffe auf beide Seiten richtet, der Familie zu liebe. Sein Eingreifen ist es, das Joe erkennen lässt, dass es nun auch für ihn an der Zeit ist, die eigene Gier zu Gunsten eines höheren Zieles einzustellen. Er befreit die Familie, lässt sie von dannen ziehen und sieht sich mit den Konsequenzen seines Handelns konfrontiert als Gedemütigter und Gefolterter und dann schließlich als Rächer.
Nicht nur der inhaltliche Grundstein des Genres wird hier gelegt, sondern aber auch der für den audiovisuellen Stil Sergio Leones. Die in den späteren Filmen fortgeführten extremen Close-ups nehmen hier ihren Anfang. Das Gesicht des Menschen ist hier nicht ein bloßes Instrument der Darsteller sondern wird auch zur Kulisse, auf der sich Dinge abspielen. Und so zeugt es abermals von der Raffinesse eines Meisterregisseurs, wenn er zwei so ungleiche Schauspieltypen als Gegenpole castet. Auf der einen Seite ein Clint Eastwood – Underacting. Auf der anderen ein Gian Maria Volonté – Overacting. Im Film wird das Duell Colt gegen Winchester zuerst angesprochen – die beiden Waffen stehen hier auch symbolisch für ihre Träger – und später vollends zelebriert. Dabei setzt Leone dann ein Richtung vorgebendes Statement: Der Colt gewinnt.

Gewiss hat „Für eine Handvoll Dolar“ einige Mängel – doch nicht einmal ein Sergio Leone macht beim (Genre-)Einstand alles richtig. Und immerhin musste ja auch noch Platz nach oben gelassen werden. Es ist nicht anzuzweifeln, welchen filmhistorischen Stellenwert dieses Werk einnimmt, hat es doch quasi die Figur des Helden der aus dem Nichts kommt und wieder ins Nichts verschwindet im Alleingang entworfen. So ganz klein und unwahrscheinlich kommt dieser Film daher und entwickelt sich – der immer lauter werdenden Trompete, aus einem der musikalischen Leitmotive, gleich – zu einem cineastischen Westerninferno.

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  1. Bogartus sagt:

    Hat dies auf Bogartus Welt rebloggt und kommentierte:
    Test

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