„Timbuktu“


Für einen Auslandsoscar nominiert, sieben Césars gewonnen und ebenfalls im letztjährigen Festival in Cannes ausgezeichnet, erscheint der Film „Timbuktu“ des mauretanischen Regisseurs Abderrahmane Sissako nun bei uns in Deutschland auf DVD. Die Dschihad-Thematik ist eine sehr aktuelle und so kommt „Timbuktu“ auf den ersten Blick auch recht politisch daher. Er porträtiert das Leben in der malischen Wüstenstadt nachdem diese unter die Kontrolle von Dschihadisten gerät.

timbuktu-01_article
©Indigo


Man denkt natürlich sofort an IS und Boko Haram, wenn man die vermummten Gestalten auf ihrem Jeep mit der schwarzen Flagge sieht. Nach und nach entfaltet sich der Scharia-Wahnsinn in der Wüstenstadt und die Absurdität der fundamentalistischen Regeln offenbart sich immer mehr. Sissako bleibt stets sehr differenziert und zeigt gleich in den ersten Minuten einen gebildeten Iman, der die Glaubenskrieger über die wahren Werte der Religion ausklärt. Denn hier, so sagt er, wäre Religion eine Sache des Geistes und nicht der Waffen.
Die schönste Szene des Films zeigt eine Gruppe Jugendlicher nach dem Verbot Fußball zu spielen, wie sie auf dem ockerfarbenen Fußballplatz ein Match austragen ganz ohne Ball. Hier findet eine Rebellion des Geistes statt, denn die Dschihadisten, die selbst noch die Lobgesänge auf Allah verbieten, weil Musik ja etwas Schlechtes ist, können sie nicht daran zu hindern umher zu laufen. Den Ball gibt es nur in ihrer Fantasie, und diese ist und bleibt frei. Aus dem Spiel zweier Mannschaften entwickelt sich ein Tanz der Freiheit.
Doch obgleich der Schönheit dieser Szene, bleibt „Timbuktu“ dennoch zu sehr in einfachsten Strickmustern haften. Sissako filmt nämlich einfach nur ab, zwar auf eine sehr ästhetische Art und Weise, aber abgefilmt bleibt abgefilmt. Ich lese die Zeitung, ich kenne die unmenschlichen Schandtaten der Dschihadisten. Ich weiß von Zwangsheiraten, dem ausüben der Todesstrafe im Namen Gottes und ich weiß von den grausamen Steinigungen, die es dort gibt. Wäre „Timbuktu“ ein tatsächlich politisch relevanter Film geworden, dann besäße der Film eine Universalität. Dass dieser Film bei uns im Westen eine so positive Rezeption erhält, zeugt von Heuchelei. Denn es beweist, dass uns an der Lösung dieses Problems eigentlich wenig liegt, sondern wir nur gerne 92 Minuten lang betroffen sind.
„Timbuktu“ ist ein höchstinteressanter Film, denn gerade dessen Überschüttung mit Filmpreisen, sagt sehr viel über unser Verständnis von politischem Film aus. Festzuhalten bleibt jedoch, dass „Timbuktu“ zwar schön aussieht, jedoch seinem Thema nicht gerecht wird. Dieser Film tut keinem weh, ist auf einen Minimalkonsens und als Zuschauer ist man stets auf der richtigen Seite. Wenn der Abspann über den Bildschirm läuft, drängt sich einem das Gefühl auf, man müsse diesen Film mögen. Alles andere, wäre schließlich unmoralisch.

Timbuktu-Poster_articleRegie: Abderrahmane Sissako
Drehbuch: Abderrahmane Sissako, Kessen Tall
Darsteller: Pino Desperado u.a.
Laufzeit: 92 Minuten
Altersfreigabe: 0FSK
Wertung: 4.0/10.0
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s