„Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“


Alejandro G. Inarritus neuestes Werk ist einer der meisterwarteten Filme der diesjährigen Awardsaison. Michael Keaton spielt in Birdman eine Rolle, die so einige Parallelen zu seiner eigenen Karriere aufzuweisen hat und wurde dafür prompt für einen Oscar nominiert. Weitere acht Nominierungen erhielt „Birdman“ in fast allen wichtigen Kategorien und auch in den technischen ist der Film weitestgehend dominierend. Nicht zuletzt deshalb, weil der ganze Film als eine einzige Plansequenz angelegt ist.

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©Fox

Wir befinden uns am New Yorker Broadway. Der ehemalige Hollywood-Star Riggan Thomson (Michael Keaton) versucht seiner Karriere einen neuen Anstoß zu verleihen. Er adaptiert einen Ray-Carver-Roman für die Bühne um so seiner ihm immer noch anlastenden Paraderolle aus den frühen 90ern als Superheld Birdman zu entkommen. Während seine Tochter Sam (Emma Stone) gerade aus dem Entzug gekommen ist, muss sich Riggan auch noch mit dem exzentrischen Star Mike Shiner (Edward Norton) herumschlagen.

„Birdman“, das sei von vorneweg gesagt, ist mit einer der originellsten und einfallsreichsten Filme des bisherigen Jahrzehnts. Die Geschichte ist geradlinig und konsequent durchgezogen und zeichnet ein tiefgründiges Psychogramm des ehemaligen Superstars. Die Dialoge sind gespickt mit zynischen Kommentaren zum Showbusiness und voller Witz. Sie bedienen die Darsteller, welche daraus Leistungen verwandeln wie man sie nur sehr selten sieht. Michael Keaton, Emma Stone, Naomi Watts, Zach Gilifianakis und insbesondere Edward Norton liefern hier absolute Meisterleistungen ab.
Und Alejandro G. Inarritu ist einfach ein verdammt guter Regisseur. Das bewies zum Beispiel sein erster Hollywoodfilm „21 Gramm“ (die anderen habe ich leider noch nicht gesehen). Er weiß den Zuschauer förmlich durch die Geschichte zu tragen. Auch der Einfall des Schlagzeug-Scores trägt zur absolut genialen Atmosphäre des Films bei und auch seine Seitenhiebe auf all das was in von der Pre-Produktion bis hin zur Rezension eines Werkes alles falsch läuft, wie wichtig die richtige Balance zwischen Öffentlichkeitswahrnehmung und Selbstachtung und wie sehr man sich als Darsteller selbst in den Charakteren verlieren kann und nur noch in ihnen „echt“ sein kann – ja, all das schafft Inarritu. Alleine in der einen Szene in der Keatons Alter Ego die Kontrolle über seinen Geisteszustand zu übernehmen droht ist genial, sieht man hier doch alles was im Gegenwartskino falsch läuft.

Aber im Endeffekt kann man dem Film vor allem eines ankreiden. Er hat keine Ecken und Kanten. Lediglich das Ende kann als Versuch gewertet werden, den Zuschauer aus der Reserve zu locken und ihm eine Haltung abzuverlangen, aber bis dahin ist es vor allem seine Glattheit, die „Birdman“ daran hindert, zu der großen Kunst zu werden, die der Film hätte sein können.
Selten ist es so ärgerlich, wenn ein Film so viel Potential liegen lässt wie „Birdman“. Nichtsdestotrotz ist Inarritus neuestes Werk ein sehr guter Film, der sich vom 0815 Einheitsbrei der üblichen Oscar-Filmchen weit abhebt.

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Regie: Alejandro Gonzales Inarritu
Drehbuch: Alejandro Gonzales Inarritu, Alexander Dinelaris, Nicolas Giacobone, Armando Bo
Darsteller: Michael Keaton, Edward Norton, Emma stone u.a.
Laufzeit: 120 min.
Altersfreigabe: FSK12
Wertung: 7.0/10.0
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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. stiefelniels sagt:

    Lustig dass wir uns sowohl thematisch als auch von der Präsentation und dem Namen von der idee doch sehr ähneln 😛
    Zum Beitrag:
    Habe es immer noch nicht geschafft den Film zu schauen, freue mich aber unendlich Birdman und Whisplash endlich zu sehen.Bis jetzt nur gutes gehört, deine Review ist ja weitesgehend auch positiv. Ich hoffe ich finde endlich Zeit ins Kino zu pilgern 😀

    1. Sean sagt:

      Ich werde sofort mal auf deine Seite schauen! 🙂

      Tim fand den Film gut, ich leider eher weniger

      Grüße 🙂

      1. stiefelniels sagt:

        Bin echt noch nicht so lange dabei, muss mich erst noch ein bisschen einfinden. Aber das wird schon noch 🙂
        Ich bin gespannt !

      2. Sean sagt:

        Wenns dir recht ist, schreibe ich dir eine Mail dann können wir da ein bisschen über Filme etc. schnacken 🙂

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