„Under the Skin“ [Gastkritik von Pascal Reis]


Laura (Scarlett Johansson) ist ein auf die Erde entsandter Alien und reist in der Gestalt einer verführerischen jungen Frau durch die schottischen Highlands. Sie wurde auf die Erde geschickt, um einsame Männer per Anhalter mitzunehmen. Denn Menschenfleisch ist auf Lauras Heimatplaneten ein kostbares, da rares Gut und für die außerirdischen Wesen eine Delikatesse. Mit ihren Verführungskünsten versucht Laura, der menschliche Emotionen wie Liebe oder Mitleid fremd sind, die jungen Männer um den Finger zu wickeln und schließlich zu töten. Doch ihre Mission gerät in Gefahr, als sich ihre Neugierde und ihr Gewissen regen…

© Senator

Dass „Under the Skin“ die Gemüter spaltet und ordentlich polarisiert, wird wohl niemand falsifizieren wollen. Man muss sich – so einfach das nun an dieser Stelle auch anmuten mag – schlichtweg auf den Dialog einlassen und sich vor der zu Anfang noch sperrigen Art nicht abgeschreckt verschränken, dann spricht der Film nach vermeidlichen Startschwierigkeiten auch eine recht deutliche Sprache. Jonathan Glazer blickt in „Under the Skin“ – wie es der Titel bereits eindeutig verlauten lässt – unter die Oberfläche und thematisiert die diffizile Frage, wie sich die Definition von ‚Menschsein‘ eigentlich handhaben lässt. Eine Außerirdische wird auf die Erde entsannt und passt sich äußerlich ihrem Umfeld an, um ihren Heimatplanet mit dem Fleisch schottischer Stelzböcke zu versorgen. Irgendwann jedoch scheint ein schleichender Prozess Früchte zu tragen und die Extraterrestrische wird von leisen Gefühlen heimgesucht, die ihrem eigentlichen Naturell nicht entsprechen. Aber kann dieses Wesen, eingepackt im organischen Exoskelett überhaupt fähig sein, dem Menschen in seiner ganzen Komplexität gerecht zu werden ? Oder verfällt sie dem bloßen Imitationsverhalten?

Mica Levi zaubert dafür einen Klangteppich, der dem Zuschauer die Lizenz zum Delirieren erteilt, während „Under the Skin“ zunehmend unter Beweis stellt, dass Glazer ein Meister der visuellen Narration ist und sein synästhetisches Mosaik so unfassbar geniun verkauft, dass er sich überhaupt gar keine Sorgen machen muss, ins Prätentiöse abzudriften. Dafür ist der Mann nicht nur zu stilsicher, sondern kann mit seinen Aufnahmen auch immer ganz konkret den eigentlichen Inhalt akzentuieren und reflektieren (einige Hau-Ruck-Metaphern hätte es allerdings nicht gebraucht, so ästhetisch diese auch abgelichtet wurden). Und doch ist „Under the Skin“ kein „schöner“ Film im eigentlichen Sinne, sondern ein düsteres Experiment, dessen zentralisierter Kampf der eigenen Seelenlosigkeit in der Absenz jedweder Hoffnung mündet und mitsamt einer unermesslichen Poetik in sich zusammenbricht. Nacktheit folgt in „Under the Skin“ keiner Intimität, sondern einer erdrückenden Leere; genau wie der Alien in seiner lockenden weiblichen Hülle an der merkwürdigen Befremdlichkeit, der inhärenten Unerklärbarkeit und der Absonderlichkeit unseres irdischen Seins zerschellt. Uns würde es andersherum genauso ergehen.

“Hide the ideas, but so that people find them. The most important will be the most hidden.” – Robert Bresson

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s