„12 Years a Slave“


 

„12 Years a Slave“ bestätigt mich in einem Verdacht, den ich schon lange hege. Der Verdacht, dass Tarantino unterschätzt ist, und viele hinter die Fassade ästhetischer Gewalt und cooler Dialoge gar nicht erst zu Blicken vermögen oder wollen.

2014-01-16-12yearsaslave
©Universal

Den hätte man „Django Unchained“ in seiner vollen Aussagekraft und Message verstanden, wäre uns Steve McQueens Trauerspiel womöglich erspart geblieben.
Geradezu peinlich versucht uns Steve McQueen mit seiner konventionellen und klischeehaften in bester Hollywood-Tränendrüsenmanier geschilderten Erzählweise immer wieder zu sagen: Hier bitte traurig sein. Hier, liebes Publikum, sollt ihr erbost aber auch geschockt sein. Und hier, ja hier, da sollt ihr euch sogar schämen und schuldig fühlen.
Mit Salomon Northup taucht der Zuschauer mitten in die brutale und grausame Welt der Sklaverei ein. Wir durchleben mit ihm diese Höllenqualen und identifizieren uns mit ihm bis er letzten Endes gerettet wird und seine 12 Jahre rum sind. Doch was geschieht dann eigentlich mit den Sklaven, die in die Sklaverei hineingeboren wurden, und in ihr sterben? All jene Schwarzen dienen lediglich dafür, um ihnen Gewalt an zu tun. Besonders auf Patsy scheint McQueen es abgesehen zu haben, an der das Leid verdeutlicht werden soll. Aber trotzdem schafft McQueen es nicht, sie zu charakterisieren. Sie ist seine kleine Puppe, die er foltert und deren von den Peitschenhieben zerstörter Rücken in uns Gefühle auslösen soll und gleichzeitig sollen wir uns mit schuldig fühlen, wenn Solomon die Peitsche schwingt.

Wie interessant dieser Film doch werden hätte können, wenn man auf lächerlichen Kitsch in Kombination mit Torture Porn verzichtet hätte. Hätte McQueen, der ja eigentlich ein ganz und gar guter Regisseur ist, einfach von seinem konformen Erzählen der Geschichte nach allen Regeln der Academy abgelassen und Wege wie bei „Shame“ beschritten, hätte dieser Film so viel mehr sein können. Aber nein, lieber auf alt bewehrtes setzen und dem zuschauer nach dem Film das Gefühl vermitteln, sich nun ausgiebig mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte beschäftigt zu haben und sich dann auf die Schulter zu klopfen. Mehr passiert hier leider nicht und das ist eine Schande.
Zudem sollte man nicht vergessen, wie unwichtig doch alle schwarzen für die Geschichte sind. Northup wird vorgestellt und charakterisiert, doch alle anderen Schwarzen im Film bleiben Masken, die sich ohne näher beleuchtet zu werden als Prügelknaben dienen. Die Weißen allerdings, hochkarätig besetzt bis in die kleinsten Nebenrollen, treten als Wesen mit Geist und Seele in Erscheinung. Sie sind mit Charakterzügen ausgestattet und haben Gefühle, wie sonst nur Northup.
Auch hier sei gesagt und gewarnt: Der Schein trügt! Nur weil die konservativen Academy Wähler sich in ihren Ansichten bestätigt sahen und auch ansonsten das Kinopublikum sich gerne selbstgefällig auf die Schultern klopft, macht dies noch lange keinen guten Film aus. Ein lächerlicher Soundtrack zur Untermalung der von McQueen erzwungenen Gefühle darf hier natürlich auch nicht unerwähnt bleiben. Jeder der sich den Film noch nicht angesehen hat, sollte lieber zu „Django Unchained“ greifen, wo die Sklaverei um einiges besser aufgearbeitet wird.


Creative Commons Lizenzvertrag
Die „12 Years a Slave“ Kritik von Tim Erkert ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Marc sagt:

    Tolle Kritik Erkinger. Auch wenn ich mich zu denen zähle, die Django Unchained nicht verstanden haben 😉

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