„Spiel mir das Lied vom Tod“


Nach „Zwei glorreiche Halunken“ hatte Sergio Leone keine Lust mehr auf Western. Er wollte sich etwas ganz neuem widmen. Doch niemand glaubte an den Erfolg eines von ihm gedrehten Gangster-Epos.

Einen letzten Western sollte er noch einmal machen und so entwickelte sich „Spiel mir das Lied vom Tod“. Es war ein Italowestern, so wie die vorherigen Leone-Filme, doch er sollte gleichzeitig den Beginn einer neuen Ära verkünden. Ein Film, der den klassischen amerikanischen Western und den Italowestern in seine Bestandteile zerlegen sollte und diese zerstören.

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©MGM

„C’era una volta il West“, das ist der italienische Titel dieses epochalen Films. Zu deutsch bedeutet dies: „Es war einmal der Westen“ – nicht im Westen, wie es der englische Titel falsch suggeriert. Der Film beginnt mit einer einfahrenden Eisenbahn und endet mit einer einfahrenden Eisenbahn. Dazwischen sterben Menschen, es sterben Träume und Hoffnungen mit ihnen.
Sergio Leone sagte über den Film: „Der Rhythmus des Films ist darauf angelegt, die Spannung der letzten Atemzüge eines Menschen kurz vor seinem Tod wiederzugeben. ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ ist vom Anfang bis zum Ende ein Tanz mit dem Tod. Alle Charaktere des Films, mit der Ausnahme von Claudia, sind sich der Tatsache bewusst dass sie am Ende nicht überleben werden.“ Diese Motive sind durch den Film hindurch erkennbar und um noch weiter darauf einzugehen, erinnere ich mich an Leones Zitat: „Wenn bei John Ford einer zum Fenster rausschaut, hat er den Blick in eine strahlende Zukunft. Wenn bei mir einer das Fenster aufmacht, weiß jeder: Der wird jetzt erschossen“.

Das sagte er über den Unterschied zwischen dem Italowestern und dem amerikanischen Western. Doch in den letzten Szenen und Minuten des Films erkennen wir ein ganz klares Ausbrechen aus diesen Genreregeln, die einst er Sergio Leone begründet hatte. Jill und Cheyenne sehen aus dem Fenster auf den Bahnhof der gerade gebaut wird und können hoffen.
„You know what? If I was you, I’d go down there and give those boys a drink. Can’t imagine how happy it makes a man to see a woman like you. Just to look at her. And if one of them should pat your behind, just make believe it’s nothing. They earned it.“
Der Film ist aber noch auf ganz andere Art und Weise absolut revolutionär. Es ist ein Italowestern mit einer Frau in der Hauptrolle. In der Dollar-Trilogie tauchten Frauen entweder als Hure oder als Madonna auf, doch mit Jill McBaine, die von Claudia Cardinale so traumhaft schön und wunderbar gespielt wird, haben wir hier beides. Sie ist die Hure mit dem Herz aus Gold. Sie verzaubert die Männer in ihrer Umgebung, sie verzaubert den Zuschauer. Sie ist stark und kann sich in der Welt des Wilden Westens durchsetzen, sie ist die einzige Gewinnerin des Films.
„You know, Jill, you remind me of my mother. She was the biggest whore in Alameda and the finest woman that ever lived. Whoever my father was, for an hour or for a month – he must have been a happy man.“
„Spiel mir das Lied vom Tod“ entmythifiziert den Western. Er ist Italowestern und klassischer amerikanischer Western zugleich – oder keines von beiden? Bricht Leone nicht alle Regeln der beiden (Sub-)Genres? Und erhält er sie nicht auch? Der Film wurde zum Teil in Amerika gedreht. Die großen Landschaftsaufnahmen des Monument Valleys stehen ganz im Sinne eines John Fords und die Referenz am Anfang auf „Zwölf Uhr mittags“ erinnern an große Vertreter jenes Genres, doch Gleichzeitig dreht sich der Film auch um die typischen Motive des Italowesterns. Gier, Macht, Rache, Entrechtung und Demütigung. Doch das was im Film wirklich markant ist, ist, das beinahe alles zu Grunde geht. Wir hören das Rauschen des Ozeans, und in einer Pfütze verreckt Morton, der der unbedingt mit seiner Eisenbahn noch den Pazifik erreichen wollte, elendig.
Die Oper der Gewalt endet schließlich wieder in der Arena, untermalt durch die Mundharmonika-Musik, im Duell von Charles Bronson und Henry Fonda. Zwei wahrhaftig große Schauspieler, stehen sich hier Gegenüber. Beide spielen im Film so grandios, beide beweisen, dass sie zu den größten aller Schauspieler gehören.
„Spiel mir das Lied vom Tod“ ist mein Lieblingsfilm. Es ist der Film, den ich meisten liebe. Von allen. Ich liebe jeden Winkel der Kamera. Ich liebe jeden verdammten Italian Shot, jedes klicken der Revolvertrommeln, jedes Staubkorn der Wüste, in denen der amerikanische Traum zu Grund geht. Ich liebe jeden Ton, jedes Schweigen, jedes Quietschen, jedes Lachen. Alles in diesem Film ist zu einem Gesamtmeisterwerk zusammengeführt. Es ist ein Film der Superlativ. Ein Film der Filme. Ein Film über Leben und Sterben im Westen, der einmal war.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Marc sagt:

    Ach Tim, wunderbarer Text 🙂

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